Alles, was nicht aus Liebe passiert…

…passiert aus einem Mangel daran.

Gestern erzählte mir ein guter Freund, dass er unglaublich wütend ist. Er hatte sich ein Video angesehen, in dem zu sehen ist, wie Fleischgroßkonzerne mit ihren Tieren umgehen. Er erzählte auch von Bildern, auf denen diese Tiere aufs Äußerste vorsätzlich gequält werden. Nachdem ich mir vor einigen Monaten die Dokumentation „Earthlings“ angesehen hatte, wusste ich natürlich bestens Bescheid, von welcher Art Bildern er da sprach. Er wünschte sich, dass diesen Menschen am Besten dasselbe zustoßen sollte, was sie den Tieren vorsätzlich antun, damit sie endlich zur Vernunft kommen. Vorausgesetzt natürlich, dass sie nicht aus psychischer Krankheit nicht anders können und eingeliefert gehören.
Ist es richtig, Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Versteh mich nicht falsch, ich heiße diese Machenschaften in den Fleischkonzernen keineswegs gut und ich möchte es auch nicht verteidigen, was da passiert! Ganz im Gegenteil. Aber bei diesem Satz meines Freundes fühlte ich mich trotzdem alles andere als wohl. Ich bin biblisch nicht sonderlich bewandert, aber ich dachte an die Stelle, an der Jesus gekreuzigt werden sollte und sagte : „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“. Ich glaube, einige dieser Menschen wissen tatsächlich nicht, was sie tun, auch wenn es dem Großteil bewusst sein dürfte. Aber was ihnen bestimmt nicht bewusst ist, ist WARUM sie es tun!

 

„Alles, was nicht aus Liebe geschieht, ist aus einem Mangel daran entstanden.“

 

Ich bin sicher, einen ähnlichen Satz einmal in einem Buch gelesen zu haben. Dieser Satz fiel mir dann ein, als ich mich fragte, warum ich eigentlich nicht eine solche Wut empfinde, wie mein Freund und ob es unangebracht sei, hier keine Wut zu empfinden. Wut ist eine wunderbare Emotion, wenn man es versteht, sie für sich zu nutzen. In diesem Fall kann einem die Wut die nötige Energie liefern, um andere Menschen über das Thema aufzuklären, sie darauf hinzuweisen, wie die Tiere zu leiden haben und die eigenen Konsequenzen daraus zu ziehen, wie auch immer diese aussehen mögen. Was ich jedoch bei diesem Thema und Themen dieser Art gegenüber den Menschen, die sich an Unschuldigen vergreifen, wirklich empfinde ist Mitleid.
Natürlich meldete sich da mein innerer Richter, der mich ermahnt, dass einfach „nur“ Mitleid eine viel zu schwache Emotion sei, gemessen an diesen schlimmen Dingen, die dort passieren. Danke, lieber Richter, aber ich empfinde wirklich aufrichtiges Mitleid und diese Emotion ist so tief und stark, dass sie es durchaus mit der Intensität von Wut aufnehmen kann. Und das fügt mir mindestens genauso einen großen Schmerz zu, wie der, mit dem ich das Leid dieser Tiere sehe. Denn ich sehe, diese Menschen leiden genauso. Und das ist die Wurzel des Übels.

Ich entschied mich dazu, dass es der falsche Weg sein muss, Gleiches mit Gleichem zu vergelten auch wenn ich diese Reaktion meines Freundes durchaus verstehen kann. Aber letzten Endes hat noch niemand ein Feuer mit Feuer gelöscht, oder etwa doch?

 

„Niemand kann ohne Liebe überleben.“

 

Stell Dir diese schrecklichen Menschen als Baby vor, auch wenn es schwerfällt, diese hässlichen Fratzen in ein süßes, unschuldiges Baby zu werwandeln. Säuglinge haben neben ihrer Reihe an körperlichen Bedürfnissen noch ein weiteres Grundbedürfnis, ohne dessen Erfüllung sie nicht überleben könnten: Nähe, Geborgenheit und Zuwendung. Kurz gesagt: Liebe. Das ist kein Witz, eine ziemlich grausame Studie hat tatsächlich gezeigt, dass Säuglinge ohne emotionale Zuwendung nicht überleben können. Im Grunde meines und Deines Herzens sind wir Babys. Kinder, die aus Liebe Schönes tun und aus Mangel an Liebe Dinge tun, die nicht schön sind, um diesen Mangel zu kompensieren. Zu vergelten und durch Unschönes zu erpressen, um letztlich doch zu unserer Liebesdosis zu gelangen. Das hört sich jetzt platt an, aber versuche Dich daran zu erinnern, was du gedacht oder getan hast, als Du verlassen wurdest, als dein Partner oder Freund Dich durch Unverständnis verletzt hat oder als deine Mutter Dich damals zu Unrecht beschuldigt hat. Hast Du gedacht „Das ist in Ordnung, du fühlst Dich gerade hilflos oder schlecht, ich vergebe Dir und nehme Dich an, wie Du bist.“ oder hast Du eher gedacht „Verdammt, Du brichst mir das Herz! Du willst mich einfach nicht verstehen, das ist hier der Punkt. Du akzeptierst nicht das ich nicht perfekt bin und wälzt Deine Probleme auf mir aus Du Arschloch. Du liebst mich nicht und hast meine Liebe auch nicht verdient!“. Natürlich gibt es unzählige Reaktionen auf solche Situationen, aber ich glaube, Du verstehst meinen Grundgedanken: Wir reagieren negativ und werden selbst zu „Monstern“, die andere verletzen und ihnen mit Unverständnis begegnen, weil sie uns dasselbe angetan haben. Ich will Dich nicht mit Tierquälern gleichsetzen, aber Dir einfach zeigen, dass das Prinzip dasselbe ist. Das Ausmaß der negativen Reaktion auf Verletzung und auch die Anzahl der Verletzungen war wahrscheinlich bei dem Tierquäler größer bzw. anders, als bei Dir. Ich fasse das mal zusammen:

 

„Wir spiegeln die Emotionen, die uns entgegengebracht werden.“

 

Mein Freund sagte, es gäbe auch Kinder, die überbehütet aufgewachsen sind und man da ja nun nicht von einem Mangel an Liebe sprechen könnte. Aber wenn Du überlegst, dann siehst du, dass „überbehütet“ sein bedeutet, einer falschen Liebe ausgesetzt zu sein. Und falsche Liebe ist nunmal keine Liebe. Die Eltern, die ihr Kind mit Geschenken überhäufen, nichts vermeintlich Schlechtes an dieses Kind heranlassen, neurotisch werden, wenn es mit anderen Kindern in Kontakt gerät, handeln so, weil sie ihr Kind nicht loslassen können. Sie instrumentalisieren ihr Kind und machen es zum Sklaven, ihre Bedürftigkeit auszugleichen. Sie laden auf ihr Kind, was es niemals im Stande ist zu leisten, gerade deshalb enden solche Familienverhältnisse irgendwann tragisch. Sie tun das, weil sie selbst das Bedürfnis nach Liebe und noch mehr Liebe haben. Und das entsteht aus einem Mangel an Liebe. Ich glaube, dass unauthentische Liebe sogar mit das Schlimmste ist, da man sich gleichzeitig vorsätzlich betrogen fühlt.

Ich sehe es auch in meinem Freundeskreis: Diejenigen, die gut Freund mit ihren Eltern sind, ihnen dankbar für ihre schöne Kindheit sind, haben in der Regel die glücklicheren Beziehungen und neigen deutlich weniger zu emotionaler Erpressung in Extremsituationen, wie z.B. dem Scheitern einer Beziehung. Sie tun sich leichter damit, loszulassen, weil sie durch die Liebe in ihrem Leben und die daraus entstehende Dankbarkeit eine größere Gelassenheit empfinden und nicht direkt panisch werden oder irrational handeln, weil sie sich durch den Verlust eines Menschen an ihre schmerzhafte Mangelerfahrung erinnert fühlen. Natürlich fällt es solchen Menschen auch leichter, Liebe zu erkennen und liebevoll zu handeln. Es ist ein wirklicher Teufelskreis für Menschen, die das nicht können!

 

„Und was hat das jetzt mit den grausamen Menschen zu tun, die andere quälen?“

 

Diese Menschen sind nicht ohne Grund fähig, Tiere vorsätzlich schlecht zu behandeln. Ich nehme an, Du bist ein Mensch, der sich nicht mit diesen furchtbaren Taten identifizieren kann. Warum ist das so? Weil Du Mitgefühl hast. Du könntest Tieren (oder auch Menschen!) nicht dieses Leid mit eigenen Händen zufügen. Für Dich haben Tiere ein Herz und eine Seele und das Recht zu leben und glücklich zu sein.

Versuche Dir jetzt vorzustellen, was Dir zugestoßen sein muss, damit Du fähig wirst so zu handeln. Was würde passieren müssen, dass Dich befähigt solche Dinge zu tun?

Nun wirst Du wahrscheinlich erkennen, was diese Menschen für Leid erfahren haben müssen.

Von Natur aus sind wir alle gleich. Jedem Menschen wird seine Liebesfähigkeit mit auf den Weg gegeben. Wird ihm, aus welchen egoistischen Gründen auch immer, keine Liebe entgegengebracht, sein Wert nicht anerkannt, er verurteilt und lächerlich gemacht, reagiert er mit Negativität, egal ob das Hass, Bösartigkeit, Trauer oder Gleichgültigkeit (die aus Unterdrückung dieser Emotionen entsteht). Er wird zum Spiegel seiner Welt. Besonders als Kind formt ein Zustand, in dem keine Liebe existiert, natürlich einen von Grund auf misstrauischen, frustrierten, ängstlichen Menschen. Wenn diese „bösen Menschen“ wirkliches Mitgefühl hätten, würden sie krank darüber werden, jeden Tag entgegen ihres Gefühls zu handeln, denn es würde bedeuten, jeden Tag einen Teil von sich selbst abzulehnen. Sie sind fähig andere Wesen zu quälen, weil sie es genau so kennen. Sie sind fähig, diese Tiere zu schlagen und zu treten, weil sie Vergeltung suchen – ein verzweifelter Versuch, Erlösung aus einem zerreißenden und sich vergrößernden Zustand zu erlangen, in dem man sich mangelhaft und schuldig fühlt.

 

„Warum wählen sie nicht einen anderen Weg?“

 

Sie wissen es nicht besser. Kein Mensch ist von Grund auf grausam. Grausamkeit entsteht, weil dieser Seele irgendwann Menschen und Situationen begegnet sind, die durch die Verletzung, die sie ihr zugefügt haben, den Menschen mit Grausamkeit reagieren ließen. Kein Mensch tut schlimme Dinge ohne Grund. Kein Mensch ist grundlos grausam und bösartig.

Es ist leicht, diesen Menschen mit Ablehnung und Verachtung gegenüberzutreten. Es ist die erste Konsequenz, die man aus offensichtlicher Bösartigkeit zieht. Jedoch funktioniert die Welt immer noch nicht so, dass man gleiches mit Gleichem vergelten kann und dies dann das Leid verringert. Im Gegenteil, es vergrößert das Leid, denn durch das Leid des Einen, leiden durch negative Reaktion auf dieses Leid am Ende Beide.

 

„Wenn jemand kein Lächeln hat – schenk ihm Deins.“

 

Ich weiß, dass es Dich bestimmt eine unglaubliche Überwindung kostet. Denn bei allem Verständnis: Bösartigkeit ist, was sie ist und natürlich gibt es da Grenzen! Trotzdem habe ich einen Vorschlag: Versuche, diesen Menschen, wann immer du mit ihnen Kontakt hast, mit Freundlichkeit zu begegnen, wenn Du kannst. Tatsächlich kann man dadurch seine Umwelt erheblich schöner gestalten. Bestimmt wissen oder ahnen die meisten bösartigen Menschen, was sie tun und brauchen vielleicht nur eine Hand, um endlich die Kraft zu finden, ihr Leid zu beenden. (Einige Andere benötigen mit Sicherheit auch einen ganzen Arm oder eine heftige Lektion.) Du wirst Dich, sofern Du das nicht bereits selbst weißt, wundern, wie viele, bittere Menschen (unterbewusst) nach nur einem bisschen Akzeptanz und Freundlichkeit lechzen, damit sie wieder Mut fassen können. Versuche, das Leid und die Negativität nicht zu vergrößern, indem du auf Böses böse reagierst. Versuche es auszugleichen, denn nur durch Ausgleich bleibt alles in der Balance. Natürlich ist es nicht verwerflich, wenn Du nicht freundlich sein kannst, ich kann es auch bei Weitem nicht in jeder Lage, aber Dir bleibt natürlich immer die Möglichkeit, nicht auf diesen Menschen einzugehen und anderweitig mehr Freundlichkeit in diese Welt zu bringen, wenn Du magst. Denn vielleicht begegnest Du dann einem Menschen, dem gerade Bösartigkeit begegnet ist, mit Deiner Freundlichkeit und erlöst ihn von seinem Groll. Wenn ich einen furchtbar schlechten Tag habe, an dem alles schief läuft, verbessert ein Mensch, der mir auf der Straße einen lieben Gruß entgegen bringt und mich anlächelt, tatsächlich meine Laune sehr stark. Ich habe Menschen getroffen, die unglaublich verbittert waren. Ich habe erlebt, wie sie reagieren, wenn man ihnen die Erlaubnis gibt, so sein zu dürfen, wie sie es gerade sind. Und ich habe gesehen, wie gut diese Menschen im Grunde ihres Herzens sein können, wenn man ihnen den Platz dazu gewährt.
Denn nur durch Akzeptanz und Annehmen eines Zustandes sind wir fähig, ihn zu transformieren.

 
Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute.

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