Dein Rucksack

Bordüre IndienJeder von uns hat seinen ganz persönlichen Rucksack, den er Tag für Tag mit sich durchs Leben trägt. Er ist voll gepackt mit Dingen, die ihn schwer, schwerer und vielleicht auch noch schwerer machen. Du kennst bestimmt den Spruch „Jeder von uns hat sein Kreuz zu tragen“. Wie schwer Dein Kreuz ist, hängt allerdings ab von der Masse, der Wertung darüber und Dir selbst. Was wie eine Rechengleichung klingt ist letzten Endes aber ganz einfach: Uns allen passieren mehr oder weniger schlimme Dinge. Es gibt Menschen, die scheinbar ohne große Mühe durchs Leben gleiten, denen die Dinge zufliegen und sie nicht sonderlich viel für ihr Glück und Erfolg tun müssen: sie haben es einfach buchstäblich „leichter“. Bei anderen scheinen Probleme hinter jeder Ecke zu lauern. Sie schlittern von einer Tragödie in die nächste, haben einen unglücklichen Unfall, die Eltern gehen pleite, das Kind hat chronische Krankheiten, sie werden überfallen und so weiter. Davon abgesehen, dass man solche Umstände mit seiner eigenen Einstellung begünstigen kann, bzw. meistens sogar aktiv tut, gibt es einfach Menschen, die es im Leben von vornherein schwerer haben als andere. Das beginnt oft damit, in welches Elternhaus Du geboren wirst, welche Werte Du vermittelt bekommst, ob Deine Eltern finanzielle Möglichkeiten haben oder nicht und so weiter. Das sind alles Dinge, für die Du nichts kannst. Allerdings bestimmt dies allein schon oft, in welcher Masse Du schon früh auf Schwierigkeiten in Deinem Leben stößt.

 

„Dein Leiden ist nicht mehr als das Leiden, das du daraus machst. Manche plagen sich mühsam daran ab, ihr eigenes Leiden zusammenzuschmieden.“

-Kodo Sawaki
 

Das nächste ist die Wertung, die Du den Dingen gibst. Ich habe schon einmal beschrieben, dass Dinge gut oder schlecht, schwer oder eben leicht, aufgrund Deiner Bewertung werden. Menschen, die scheinbar mühelos durchs Leben spazieren, neigen dazu, auch Schwierigkeiten ins Auge zu sehen. Sie sagen „Gut, jetzt ist mein Arbeitgeber pleite gegangen, aber ich weiß das ich so gut und erfahren bin, dass ich schnell etwas neues finden werde“. Menschen, die wie vom Pech verfolgt von einem Problem ins nächste schlittern würden in derselben Situation eventuell anders reagieren: „Oh mist, ich bin doch viel zu alt um noch eine neue Anstellung zu finden! Außerdem habe ich außer diesem Betrieb noch nirgendwo anders gearbeitet und so einen tollen Chef finde ich sowieso nicht mehr…wie soll ich denn jetzt die Familie versorgen?“. Du siehst: wo bei den einen der Blick bereits auf der Lösung und damit im Aktivismus liegt, verharren die anderen in ihrer Opferrolle und lähmen damit sich selbst und jegliches Vorankommen. Der Blick ist auf das Problem gerichtet, nicht auf die Lösung. Und wenn eines klar ist, dann: „Das worauf Du Deine Aufmerksamkeit richtest wird mehr“. Dieses Gesetz der Anziehung ist heute kein Geheimnis mehr, dennoch entscheiden sich Menschen aus vielerlei Gründen, in der Passivität zu verharren und nach dem „Warum“ zu klagen. Ich kann das sehr gut verstehen. Ich denke jeder von uns kennt diese Seite an sich selbst, bei der man einfach nur rumsitzen und maulen möchte. Kraftlos und traurig darüber das es nicht einfach mal leicht gehen kann. Und es ist auch wichtig, dass es auch Momente geben darf, in denen man sich mal so richtig auskotzt und sich einigelt. Es kann sogar, in einer guten Dosierung, zur Lösungsfindung beitragen! Aber die Lösung stellt es dennoch nicht dar. Nicht jedes Problem ist wirklich eines. Und nicht jedes Problem kann und muss jetzt abgelegt werden. Doch mit jedem Mal wird es leichter.

 

„Wer sich nachts zu lange mit den Problemen von morgen beschäftigt, ist am nächsten Tag zu müde, sie zu lösen.“

-Rainer Haak
 

Ich habe mal eine sehr praktische Übung gemacht, welche ich in einem tollen Buch von Chuck Spezzano gelesen hatte. Darin sollte man sich vorstellen man sei sein eigener Drehbuchautor. Die Übungsaufgabe lautete: „Dein Leben soll verfilmt werden. Wenn du ein Drehbuch über dein Leben schreiben solltest, wie würdest du es schreiben?“ Also schrieb ich. Gleich im zweiten Satz tauchte ein Problem auf. „Es war einmal ein kleines Mädchen namens Sophia. Sophia war eigentlich sehr fröhlich, aber sie hatte ein Problem.“ Ich schrieb noch drei oder vier weitere Sätze bis ich inne hielt. Ich dachte mir: Moment mal, so kann das doch überhaupt nicht sein! Ich bin also ein Mädchen das ein Problem hat? Und das ist das erste, was ich im Drehbuch über mich verrate? Das kann ja wohl nicht wahr sein! Und plötzlich begriff ich, welchen Platz ich „dem Problem“ in meinem Leben schon eingeräumt hatte, ohne es zu merken. Gerade bei Problemen, die seit der Kindheit bestehen ist man sich oftmals überhaupt nicht bewusst welch enorme Rolle sie im Leben spielen. Das man beginnt sich tatsächlich auch selbst – so wie in meinem Drehbuch – darüber zu definieren. Ich empfand das als ungeheuerlich. Ich dachte mir, dass es die Sache doch überhaupt nicht wert sei, ihr den zweiten Satz meines Drehbuches zu widmen. Auf einmal wurde mir die wahre Größe meines Rucksacks also bewusst.

 

„Öffne deine Faust und lass los! Dann gibt es unendlich viel Raum, offen, einladend, wohltuend.“

-Gendün Rinpoche
 

Oft sind es die Dinge, die einem zwar Schwierigkeiten hier und da bescheren, die man aber dennoch hinnimmt, da es gerade wichtigeres im Leben gibt, die den Rucksack so richtig schwer machen. Mir dieser Drehbuch-Übung wurde mir also bewusst, dass in meinem Rucksack ein alter, billiger Schinken gammelte, der es von vorneherein schon gar nicht wert war, verzehrt zu werden. Ich war so wütend darüber, dass ich beschloss, diesem Problem nur noch den Raum in meinem Leben zuteil werden zu lassen, den es verdiente. Und das war nur ein Bruchteil des Raumes, den es vorher hatte. Natürlich kannst Du wahrscheinlich nicht von eben auf jetzt beschließen, ein Problem beiseite zu schieben oder als unwichtig erachten, das möchte ich auch nicht damit sagen. Aber Du kannst Dir bewusst werden darüber, welche Rolle dieses Problem, bzw. alle möglichen Probleme eigentlich in Deinem Leben spielen. Es ist nunmal so, dass Du alleine der Regisseur Deines Lebens bist und damit bist auch nur Du für die Rollenverteilung zuständig. Mir diente diese Übung mit dem Drehbuch als unbezahlbarer Moment, meine Rollenverteilung zu revolutionieren und die vorderen Ränge meines Theaters für die schönen, positiven Erlebnisse und Seiten von mir freizuräumen. Ich verrate Dir etwas: Dieses „Problem“, welches ich hatte und welches ich mein Leben lang eigentlich als „Das Problem“ ansah, ist keines mehr. Früher erklärte ich meinen Freunden, die näheres über mich erfahren wollten immer diese Sache, die ich als „mein Problem“ ansah. Ich definierte mich darüber und dachte, es sei ein großer Bestandteil meines Selbst und für das Verständnis meiner Person bei Anderen unabdingbar. Was für ein Blödsinn!

Heute bin ich Sophia, die wie jeder andere Mensch auch, ihren Rucksack über der Schulter trägt und darin ungelöste Probleme mit sich herumträgt. Der Unterschied zur Sophia vorher ist allerdings dieser: Die Sophia jetzt legt jedes neue Kapitel ihres Lebens erstmal eine Pause ein. Sie setzt sich, räumt ihren Rucksack aus und stellt sich die eine wichtige Frage : „Welches Problem brauche ich noch und welches lege ich hier und jetzt ab?“

Ich wünsche Dir viel Mut zum Ausmisten und Freude an der Leichtigkeit.

 Deine Sophia