Der Mann in der Bahn


Neulich war ich wieder einmal auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, nahm meine Bahn, öffnete mein Buch und los ging die Fahrt. Wahrscheinlich kennst Du es aus eigener Erfahrung oder hast zumindest davon gehört, dass insbesondere in Großstädten Bahnen ein beliebtes Ziel für mittellose Menschen und Obdachlose sind, die sich ein wenig dazu verdienen wollen. Einige verkaufen Zeitungen, andere bitten um ein wenig Geld und wieder andere sammeln Leergut von den Fahrgästen und aus Mülleimern.

Jedenfalls stieg nach ein wenig Fahrtzeit ein älterer Herr, etwa ende sechzig ein. Abgetragene Kleidung, fahle Haut, trauriger und erschöpfter Gesichtsausdruck und eine Plastiktüte in der Hand. Als er begann durch den Wagen zu laufen, nach Leergut zu fragen und die Mülleimer zu durchsuchen, machte sich sofort ein merkliches Unbehagen in der Atmosphäre breit. Dieses Unbehagen, welches wahrscheinlich wirklich viele Menschen verspüren, wenn sie von unbekannten um Spenden welcher Art auch immer gebeten werden und sich mit Armut konfrontiert sehen.

 

„Einsamkeit und das Gefühl unerwünscht zu sein, ist die schlimmste Armut.“

– Mutter Teresa

 
Der Mann bat vereinzelt Passagiere, den Mülleimer ihrer Sitzgruppe zu öffnen um zu sehen, ob sich dort Leergut befindet. Ein, zwei Flaschen waren dabei, aber so wirklich wollte damit niemand etwas zu tun haben. Die meisten Passagiere wendeten demonstrativ ihren Blick ab, gaben vor in ihr Buch oder Smartphone vertieft zu sein oder aufgrund ihrer Kopfhörer nichts um sich herum wahrzunehmen. In manchen Fällen mag das auch stimmen.

Als der Mann mich passierte und in dem 4-er Sitz vor mir danach fragte, ob in dem Mülleimer Leergut stecke, bat eine Frau, die mit ihren zwei Kindern und einer Freundin reiste, den Mann sich zu setzen. Zuerst leerte sie mit großen Zügen eine ihrer Saftflaschen, gab sie ihm und fragte ob er Hunger habe. Der Mann nickte und zwang sich zu einem kleinen Lächeln. Sie öffnete zahlreiche Brotdosen mit selbstgebackenen Pizzaschnecken, Brownies und Broten und bot ihm an, sich zu nehmen, was er wolle. Als ich den Ausdruck im Gesicht des Mannes sah, musste ich fast weinen. Offenbar ging es nicht nur mir so, denn die Anspannung in der Atmosphäre entlud sich mit ihrer Geste fast augenblicklich.

 

„Alles Glück der Welt entsteht aus dem Wunsch, dass andere glücklich sein mögen.“

– Buddha

 
Der Mann biss in eine Pizzaschnecke und ein Stück Schokolade und bedankte sich mit ungläubiger Miene. Die Mutter und die Kinder erzählten von ihrem Tag und wie sie die Pizzaschnecken gebacken haben. Die Kinder lachten, als die Freundin zum Besten hab, wie sie mit dem Teig kämpfen mussten, da er nicht so wollte wie sie, brachten damit den Mann zum Lachen und schließlich den gesamten Teil der Menschen, die in Hörweite saßen dazu, sich zu entspannen. Die Atmosphäre wurde heiter. Jeder beobachtete genau, was dort passierte. Einige, die vorher mit ihrem Smartphone beschäftigt waren, standen auf und gaben dem Mann ihr Leergut. Als die Frau dem Mann fast ihr gesamtes Essen in eine Tüte packte fragte der Mann: „Ja ist denn schon Weihnachten?“, und der gesamte Vordere Teil des Zuges lachte. Als er ging, boten ihm einige Hände noch Leergut, etwas zu trinken und etwas zu essen an. Mehr als der Mann tragen konnte.

 

„Wenn die meisten sich schon armseliger Kleider und Möbel schämen, wie viel mehr sollten wir uns da erst armseliger Ideen und Weltanschauungen schämen.“

– Albert Einstein

 
Ich erzähle Dir diese Geschichte, weil ich wieder einmal fasziniert war, wie einfach es doch geht, die Welt zu verbessern. Nicht nur die Welt eines Einzelnen. Ich bin sicherlich nicht die Einzige, die sich noch jetzt an diesen Tag erinnert. Wie man mit einer kleinen, freundlichen Geste jemanden, der traurig, niedergeschlagen, hungrig und abgekämpft ist, den Tag um 180° zum positiven ändern kann. Wie man mit ein wenig Freundlichkeit gegenüber nur einer Person Ablehnung in Akzeptanz und Anteilnahme verwandeln und nicht nur einen, sondern gleich 30 Menschen zum Lachen bringen kann. Wie Warmherzigkeit das Mitgefühl der anderen Menschen erreicht und sogar dafür sorgt, dass die Geschichte (wie in diesem Fall) weitererzählt und verbreitet wird. Auf dass sich andere ein Beispiel nehmen mögen.

 

„Am meisten über einen Menschen sagt nicht aus, wie er mit Freunden umgeht, sondern mit Fremden.“

– Dante Alighieri

 
Ich wünsche mir, dass Du diese Frau bist. Ich wünsche mir, dass ich diese Frau bin. Niemand, als letztes man selbst profitiert in irgend einer Weise davon, anderen Menschen mit Ignoranz und Ablehnung zu begegnen. Im Gegenteil.

War nicht Glück das, was sich verdoppelt, sobald man es teilt?

 
Deine Sophia