Der Weg der Authentizität


Sei du selbst – ein Satz, welcher von hoch philosophischen Ansätzen über Selbstfindungsmaßnahmen zur Floskel und schließlich Werbemessage für alles Mögliche reicht. Vorstellungsgespräch – „Sei einfach du selbst (aber reiß dich am Riemen)“. Das erste Date – „Sei einfach du selbst (aber am besten nicht peinlich)“. Lebenskrise! Wohin soll es für mich im Leben führen? – „Sei einfach du selbst (mit dieser Anleitung klappts auch bestimmt in 5 Schritten)“. Meine Haut ist so pickelig „Sei einfach du selbst (mit Nivea Waschlotion)“.
Ganz schön anstrengend. Und jetzt komme ich daher und will Dir etwas über Authentizität erzählen. Glücklicherweise will ich damit nichts verkaufen, sondern Möglichkeiten beschreiben, die Dir ein paar Wege zu mehr Authentizität vorschlagen.

 

„Sei du selbst. Alle anderen sind bereits vergeben.“

– Oscar Wilde

 

Authentizität ist in erster Linie das Selbst erkennen und leben. Vor allem durch den Vorgang des Selbst-Erkennens laufen wir nicht so leicht Gefahr, uns von oben genannten Beispielen herumschubsen zu lassen, die uns vorgaukeln unser wahres Selbst sei unter bestimmten Bedingungen zu erkämpfen. Und dass wir jederzeit die bessere Version unserer selbst sein können, wenn wir nur ganz motiviert und hingebungsvoll daran glauben und arbeiten, da wir gerade unzulänglich sind. Das wahre Selbst ist allerdings kein Zustand, den es zu erreichen gilt – es ist vielmehr Dein Ist-Zustand. Hingabe: ja! Aber Hingabe an das, was ist.

Es ist der Zustand, der bereits und zu jeder Zeit bereits da war, dennoch gibst Du Ängsten, Nöten, Glaubenssätzen und Werbebotschaften in Deinem Leben oft den Vorrang und wirst von Deinem Ist-Zustand abgelenkt. Es ist das Anhaften an falschen Identifikationen, die Dir die Sicht nehmen und in denen sich manche Menschen fast verlieren. Selbst wenn Du glaubst, Dich durch gelebte Spiritualität auf einem Weg zu befinden, der Dich weiter zu Dir selbst führt und Dich vom weltlichen Elend befreien könnte, birgt das die Gefahr, dass sich Dein spirituelles Ego durch neue Glaubenssätze aufbaut und Dein Selbst johlend mithilfe von Engeln und Schamanen weiter in den Sumpf der Fremdbestimmtheit sinkt. Bewirken sollten sie natürlich das Gegenteil.

 

„Höhepunkt des Glückes ist es, wenn der Mensch bereit ist, das zu sein, was er ist.“

– Erasmus von Rotterdam

 

Zunächst ist es also wichtig, Dir bewusst zu werden, wo Du fremdbestimmt handelst und fühlst. Besonders da wir in einer Gesellschaft leben, deren materieller und geistiger Konsum ihren Selbstwert zu bestimmen versucht. Ein guter Anfang ist oft, durch die Wohnung zu gehen und die Gegenstände darin genau zu untersuchen. Was ist es? Von wem ist es? Was löst es in mir aus? Warum steht es hier? Warum kaufte ich es? Brauche ich es überhaupt? Und wenn nicht was glaube ich passiert, wenn ich es nicht festhalte? Auch mit alltäglichen Gebrauchsgegenständen solltest Du dies versuchen – sich des eigenen Konsumverhaltens auf materieller Ebene und auch geistiger Ebene bewusst zu werden ist ein guter Ansatz, Authentizität zu gewinnen.

Der geistige Hausputz ist für die meisten Menschen um einiges unbequemer – die eigenen Dämonen anzusehen macht sicherlich keiner von uns wirklich gern. Wo findest Du in Deinem Verhalten Dir selbst und anderen gegenüber Dich selbst und wo vielleicht Deine Mutter oder Deine Angst nicht geliebt zu werden? Welche sind die Menschen, die Dich wirklich wütend machen? Was bringt Dich auf die Palme? Und wo fühlst Du Dich doch recht schnell angegriffen? Die Themen, bei denen wir uns an falschen Glaubenssätzen, erlerntem nicht-authentischem Verhalten festkrallen, um nicht den unbequemen Weg der Selbstkonfrontation gehen zu müssen, sind die Themen, die uns den Weg bereiten.

 

„Der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu kommen.“

– Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

Stichwort spirituelles Ego: Was passiert in Dir, wenn ich Dir jetzt erzähle, dass ich Engel für vollkommen unwissenschaftlichen Romantik-Quatsch halte und dass Deine Chakren mit einer Runde joggen deutlich besser bedient sind, als mit Deiner esoterischen Heilsteinsammlung? Dass es natürlich Deine Sache ist, einem imaginären Freund aus einem 2000 Jahre alten Märchenbuch hinterherzulaufen und von kriminellen Vertretern seiner Institution Dein Handeln bewerten lässt? Was passiert, wenn ich Dir sage, dass es zwar total schön ist Nepal mal zu besuchen, es dich aber keineswegs der Erleuchtung näherbringt oder zu einem guten Menschen macht, wenn du an den Gebetsmühlen herumfummelst? Dass Deine Segensbändchen zwar hübsch aussehen, aber doch eher Statussymbol des Fortschritts Deiner spirituellen Selbstverliebtheit sind und dass Dein regelmäßiges Rauchen mit den Schamanen auch nur eine Methode ist, Dir Dein Abhängigkeitsproblem nicht einzugestehen? Ich habe mir jetzt echt Mühe gegeben, Dich aus der Reserve zu locken. Ich denke Du weißt vielleicht worauf ich hinaus will. Was Dich (außer meiner triefenden Ignoranz, die mir gerade selbst auf den Geist ging) stört oder auf die Palme bringt und in Deinem persönlichen Glauben beleidigt haben könnte, bedarf Deiner Aufmerksamkeit. Falsche Glaubenssätze wackeln leicht und tun auch weh, wenn sie in Frage gestellt werden.

Ein weiterer Ansatz ist, Dich körperlich zu Entspannen. Achtsames Atmen und Atemübungen halte ich, genau wie Yoga und Meditation, für großartige Techniken – das muss ich Dir wahrscheinlich nicht erzählen. Autogenes Training, Bäder, Massagen, Tai-Chi o.ä., progressive Muskelentspannung und Faszienlockerung sind auch gute Methoden, Spannungen im Körper abzubauen. Bei allen Aktivitäten gilt natürlich: Alles in Deinem Tempo und innerhalb Deiner Grenzen. Ich spreche hier nicht von Power-Yoga, nach dem Dir hinterher alles weh tut. Entspannung. Natürlich ist ein ruhiger Geist der körperlichen Entspannung auch sehr zuträglich.

Körperliche und geistige Spannungen halten uns im Zustand des Anhaftens, im Zustand des Kampfes. Wir sind leichter manipulierbar, als wenn wir durch Loslassen, Lockerung und Achtsamkeit in unserer Balance stehen und uns aufgrund dessen auch in einem anderen Wertesystem bewegen können. Wir versuchen weniger durch Produkte und Konzepte unser ideales Selbst zu erzwingen, wir erkennen mehr unser Selbst, welches bereits immer präsent war. So sind wir in der Lage authentisch zu leben, unsere Geschenke der Umwelt weiterzugeben, andere zu inspirieren und Menschen, Tiere, Pflanzen wirklich in unser Umfeld zu integrieren. Unsere Haustüre steht offen und wir funktionieren mühelos.

 

„Menschen verlieren wie Nägel ihren Nutzen, wenn sie anfangen, sich zu verbiegen.“

– Walter Savage Landor

 

Schlucken wir unsere eigene Wahrheit hinunter, lassen wir uns unsere Meinung diktieren und geben uns irrationalem Konsum hin, ist das der Weg in die Krankheit. Falsche Identifikation zerstört die Anbindung an unser Selbst, jedoch das Selbst also solches nicht. Es ist immer da, selbst wenn es schwer oder für manche Menschen sogar unmöglich zu erreichen erscheint. Geben wir vor, jemand zu sein, der den Botschaften der Werbeindustrie und den Erwartungen unserer Gesellschaft entspricht, identifizieren wir uns als „Die Karrierefrau“, „Der Nerd“, „Der Boss“, „Das Mächen für Alles“, „Die Mutter“ oder „Das nicht beachtenswerte Häufchen Elend“, verleugnen wir damit unser Selbst, untergraben unsere natürliche Authentizität und werden zu einem leeren Konzept. Leben wird mühsam und Gesundheit schwer aufrecht zu erhalten.

Lebst Du authentisch, wirst zu zur Bereicherung für Deine Umwelt. Es gibt keine eine Wahrheit, keinen einen Weg, authentisch zu leben und auch keinen Idealzustand, der für jedes Selbst das gleiche bedeutet. Ich bin überzeugt, Du wirst Deinen Weg finden. Sei mutig und lebe Deine Wahrheit, lebe Deine Authentizität!