Die Macht der Verantwortung

Bordüre-5Der Grad an Zufriedenheit und Bewusstheit, den Du mit Deinem Leben empfindest richtet sich größtenteils nach dem Grad zu dem Du Verantwortung für Dein Leben übernimmst.
Damit meine ich nicht nur, dass Du anerkennst, dass Du für Deine Handlungen und Nicht-Handlungen verantwortlich bist. Sondern vielmehr, dass jeder seines Glückes Schmied ist – so auch Du. Verantwortung übernehmen bedeutet, keinen Schuldigen für Deine Situation mehr zu suchen, selbst wenn nicht Du allein zu dieser Situation beigetragen haben solltest. „Keinen Schuldigen zu suchen“ beinhaltet, dass Du weder andere, noch Dich selbst als Schuld tragende Person dieser Situation begreifst.
Von Schuld spricht man, wenn man sich in die beliebte Opferrolle begeben möchte. Und das Opfer ist grundsätzlich nicht schuld. Es gibt die Schuldzusprechung, bei der man andere für das eigene Leid verantwortlich macht und die Schuldzusprechung, die man auf die eigene Kappe nimmt. „Ich bin schuld“ sagen die meisten von uns jedoch weniger aus Verantwortungsgefühl, sondern um den Versuch zu unternehmen, sich auf alternativem Weg in die Opferrolle zu begeben.
Meist nutzen Menschen, die sich selbst als schuldig begreifen, ihre Schuld, um ihr „geliebt werden wollen“ zu legitimieren. Das rührt meist aus der Kindheit. Einige Menschen, die sich selbst Schuld zuschreiben tun das sehr berechnend, um bei anderen eine Reaktion hervorzurufen, die ihr Ego aufpoliert: „Nein, Du bist doch nicht schuld an der Situation! Du kannst doch nichts dafür, das ist nur weil dieser Typ so gemein zu dir war. Du bist doch eine tolle Frau…“. Blink, Glitzer, Funkel…wunderschönes Ego. Der dicke Ego-Geist wird sich freuen.
Ganz egal, in welcher Form Du Dich als Opfer begreifst; und sei es noch so subtil: Schuldzuweisung und Opferhaltung sind i m m e r dazu da, Verantwortung abzulehnen.

 

„Wenn Du Dich weigerst, die Verantwortung für Deine Niederlagen zu übernehmen, wirst Du auch nicht für Deine Siege verantwortlich sein.“

-Antoine de Saint-Exupéry
 

Du hast vollkommen Recht, wenn Du jetzt zunächst vielleicht etwas ärgerlich darüber bist, was ich gerade geschrieben habe, schließlich konntest Du nichts dafür, als Dich dieser Typ mit dem Auto gerammt hat und Du seitdem Schwierigkeiten mit der Wirbelsäule hast. Oder dafür, dass Du als Kind immer unter Deiner überdominanten Mutter gelitten hast, die sich alles andere, als liebevoll um Dich gekümmert hat. Keine Einwände.
Verantwortung bedeutet nicht, dass Du alles auf Dich nimmst. Verantwortung bedeutet, dass Du j e t z t diese Situation, durch wen oder was auch immer sie verursacht sein mag, anerkennst. Das bedeutet, dass Du das „so-sein“ der Situation akzeptierst. Du kannst daran, dass diese Situation j e t z t in diesem Moment so ist, wie sie ist, nichts mehr ändern. Aber: Du kannst die Verantwortung dafür übernehmen, dass diese Situation ab sofort nach Deinen Wünschen geändert wird.
Ich weiß, dass es nicht leicht ist, eine Situation einfach so anzuerkennen. Besonders, wenn Dir unrecht getan wurde. Aber wenn Du ehrlich zu Dir selbst bist, so siehst Du, dass diese Situation jetzt gerade so oder so existiert, ob Du Dich dagegen auflehnst oder nicht, ob Du jemandem die Schuld daran gibst oder nicht, ob Du verzweifelst oder nicht. Die Situation bleibt dieselbe, egal, wem oder was Du die Schuld daran gibst oder wie sehr Du darunter leidest. Die Erleichterung nach einer Schuldzuweisung resultiert nur daraus, dass Du die Verantwortung abtrittst. Das Leid, was Dir durch diese Situation widerfährt, bleibt allerdings dasselbe! Es mag sein, dass die Verantwortung für eine Situation abzutreten bequem und erleichternd ist, nur ändern wird sie sich davon nicht.

 

„Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit; das ist der Grund, warum die meisten Menschen sich vor ihr fürchten.“

-George Bernard Shaw
 

Ich habe es vielfach erlebt, dass Menschen den Deckmantel des Verantwortungsbewusstseins nutzen, um unterschwellige Botschaften zu senden, die ihr Ego füttern sollen. Kompetente, stark und sicher wirkende Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Man möchte es kaum glauben, aber oftmals sind gerade diejenigen, die offenkundig Verantwortung für Dinge übernehmen, Aufgaben lösen und geborene Anführer sind, diejenigen, die versuchen eben mit dieser Rolle, die sie dadurch einnehmen einen seelischen, bzw. emotionalen Mangel auszugleichen. Eigentlich erkennt man diese Menschen relativ einfach daran, dass sie sich mit ihrer Verantwortung zieren möchten, sowie andere Menschen in ihrem Lebensstil bzw. ihrer Lebensauffassung belehren, bewerten und unter sich stellen (oft geschieht das auch sehr subtil).
Du siehst schon: d a s ist kein echtes Verantwortungsgefühl. Eher im Gegenteil. Sobald Menschen beginnen, Verantwortung zu nutzen, um ihre eigenen Mängel auszugleichen und ihr Ego zu polieren, kannst Du davon ausgehen, dass es sich da um einen Menschen handelt, der zwar eine gute Veranlagung dazu hat, Verantwortung zu übernehmen, jedoch über zu wenig Bewusstheit verfügt, sein Handeln zu reflektieren und als Resultat leider paradoxerweise Verantwortung tatsächlich ablehnt.

 

„Jeder ist Meister seines Schicksals; es ist an uns, die Ursache des Glücks zu schaffen. Das liegt in unserer eigenen Verantwortung und nicht in der irgendeines anderen.“

-Dalai Lama
 

Ein Beispiel: Lass Dich nicht täuschen von dieser Form der Verantwortung, es zeichnet Dich nicht zwangsläufig als verantwortungsbewussten Menschen aus, wenn Du super erfolgreich und eingespannt im Beruf bist, es noch schaffst, Deine drei Kinder zu umsorgen und den Haushalt zu schmeißen. Das sieht nach jeder Menge Verantwortung aus, jedoch verhältst Du Dich nicht wirklich verantwortungsbewusst, wenn Du mit Sticheleien Deinem Mann Deine Unzufriedenheit zu verstehen gibst und ihm Vorwürfe unter die Nase hältst, dass er Dir nie etwas abnimmt. Du suchst also die Verantwortung, dass Du gestresst bist und unzufrieden mit der Aufteilung der Aufgaben in der Familie einzig bei Deinem Mann, der Dich Deiner Ansicht nach zu wenig unterstützt.
Aber was ist nun, wenn er sich vielleicht gar nicht bewusst ist, wie viel Last Du trägst, weil Du es ihm nie vernünftig erklärt hast? Vielleicht denkt er ja, dass Du einfach nur Frust an ihm ablassen möchtest, statt zu erkennen, dass Du Dir Hilfe und Kooperation von ihm wünschst? Und wenn er es doch sieht: Wie soll er kooperieren, wenn das für ihn bedeutet, Schuldzuweisungen auf sich zu nehmen und sich demütig zu bessern, ohne seine Meinung darlegen zu dürfen, ohne dass Du ihn erneut mit Schuldzuweisungen überhäufst? Was ist, wenn er bereits so genervt von Deinen Beschwerden ist, dass er sogar überhaupt nicht mehr zuhören will? Würdest Du demjenigen zuhören, der an Dir herumstichelt und dich kritisiert und damit dann auch noch einen ernsthaften, partnerschaftlichen Dialog erwartet? Es gibt viele Mögilchkeiten und Du siehst schon, worauf ich hinaus will: Der erste Schritt wahrer Verantwortung läge in einer Situation wie dieser dort, dass Du diese Situation annimmst, sie Deinem Mann darlegst und es mit ihm als Team löst. Nur im liebevollen, gleichberechtigten Dialog könnt Ihr als Team funktionieren und nur so wird er Dir zuhören. Die Verantwortung liegt darin, das gemeinsame Leben aktiv zu gestalten und seinen Teil dazu beizutragen. Es ist sehr gesund, das Nörgeln und Sticheln aufzugeben und den Mut zu fassen, mindestens die Hälfte der Verantwortung (nicht Schuld!) an dieser Situation zu tragen. Nur so kann Neues entstehen.

 

„Wir müssen aus dem Schlafe erwachen und unsere Verantwortung erkennen.“

-Albert Schweitzer
 

Nur wann und wo ist es denn dann richtig und gesund, Verantwortung zu übernehmen? Zunächst ist es einmal wichtig, dass Du erkennst, dass Du nur volle Verantwortung übernehmen kannst für Dich selbst. Nicht dafür, ob sich Deine Mutter in der Öffentlichkeit furchtbar benimmt, Dein bester Kumpel Dich versetzt hat oder ob Dein Chef gerade schlechte Laune hat. Es ist nicht Deine Aufgabe, einen Puffer für andere zu spielen. Es ist Deine Aufgabe, aus diesen Umständen Konsequenzen zu ziehen. Wenn es Dir zu blöd ist, dann übernimm die Verantwortung für die Situation und sag Deinem Kumpel das Du es das nächste Mal begrüßen würdest, wenn er Dich nicht 5 Minuten vorher hängen lässt und Du das Baseballspiel alleine ansehen musst. Vielleicht hat er ja auch einen ganz wichtigen Grund? Und auch wenn nicht: Sage ihm, dass Du Dich deswegen geärgert hast und er wird sich entschuldigen und zukünftig anders machen. Wenn er es ständig macht, liegt es in Deiner Verantwortung, ihm zu erklären, dass Du Dir unter einer Freundschaft etwas anderes vorstellst und Deine Konsequenzen daraus ziehst.
Diese Entscheidungen wird Dir niemand abnehmen. Du musst es nicht regeln, bzw. „puffern“, dass Dein Kumpel Dich versetzt. Das kannst Du auch nicht, denn jeder Mensch trifft eigene Entscheidungen und dies aus eigenen Gründen. Wenn Du versuchst, das zu ändern, verpulverst Du Deine Energie. Und als verantwortungsvoller Mensch sollte man gut bedenken, wofür man seine Energie einsetzt, denn verantwortungsvoll mit seinem Leben umzugehen heißt, auch unter Umständen Entscheidungen zu treffen, die sehr viel Energie benötigen. Spontan fiele mir dazu eine Ernährungsumstellung ein: Viele Menschen entscheiden sich zur Zeit, vegan zu leben, da sie nicht verantworten möchten, dass Tiere wegen ihnen sterben. Diese Entscheidung kostet unter Umständen einige Energie und einigen Aufwand. Sie ziehen sich aus einer Verantwortung, die sie nicht länger tragen möchten, was auch ein verantwortungsvoller Akt ist und übernehmen für ihr eigenes Leben die Verantwortung, dass kein Tier mehr für sie sterben muss, sofern sie es verhindern können.

 

„Die Verschmutzung des Planeten ist nur die Spiegelung im Außen von einer psychischen Verschmutzung im Inneren, ein Spiegel für die Millionen von unbewussten Menschen, die keine Verantwortung für ihren inneren Raum übernehmen.“

-Eckhart Tolle
 

Und auch da gibt es immer die Beispiele von Menschen, die unter dem Deckmantel der Verantwortung versuchen, Mängel auszugleichen. Menschen, die sich z.B. tätowieren lassen, damit jeder sieht, dass sie Veganer sind, die dann Menschen, die Vegetarier oder sogar Fleischesser sind, mit Vorwürfen überhäufen, Hassbriefe an Bio-Supermärkte schreiben, dass es eine mittelalterliche Schweinerei sei, noch immer tierische Produkte anzubieten (ja, das gibt es tatsächlich sehr oft!) und sich dann doch m a l einen Hamburger zu gönnen, weil man sonst ja so verantwortungsbewusst ist. Es geht nicht darum, ob Du als eigentlicher Veganer mal eine Ausnahme machen möchtest und einen Eierpfannkuchen mit Speck isst. Ich halte ohnehin nicht sonderlich viel von Dogmen. Es geht darum, menschlich zu sein, Verantwortung für s i c h zu übernehmen und anderen das Recht lassen, sie abzulehnen. Es ist Deine Verantwortung, für Deinen Bereich verantwortlich zu sein. Andere Menschen nicht mit Verurteilung zu erdrücken, denn dann erkennen sie erst Recht nicht ihre Verantwortung, da sie sich natürlich bei einem Angriff auch verteidigen. Es geht nur um Dich. Das gilt auch für uns Weltverbesserer: „Sei selbst die Veränderung, die Du Dir in der Welt wünschst“ sagte Gandhi. Wenn Du Dir eine verantwortungsvolle Gesellschaft wünschst, solltest Du den Teil der Gesellschaft ändern, den Du wirklich ändern kannst: Dich selbst! Es ist ein gutes Gefühl, Verantwortung zu übernehmen. Und es ist ein gutes Gefühl, Anerkennung dafür zu bekommen, das ist völlig menschlich. Aber übernimmst Du sie der Anerkennung (des Egos) Willen, übernimmst Du sie nur scheinbar und wirst zu der nörgelnden Karrierefrau, die ihren Mann nervt. Übernimmst Du sie, weil Du für eine Sache brennst, nicht mehr länger unter einem Zustand leiden willst oder weil Du unter einen Lebensabschnitt einen Schlussstrich ziehen möchtest, dann tu es um deinetwillen. Echte Verantwortung kostet Kraft, das ist völlig klar, aber Veränderungen haben das so an sich, einem etwas abzuverlangen. Und wenn eine positive Veränderung eingetreten ist, weil man verantwortungsbewusst und mutig genug war, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen; wer würde da sagen, dass es sich nicht gelohnt hat!?

 
Alles Gute für Dich,

Deine Sophia