„Du siehst doch gar nicht krank aus.“

Bordüre4Dies ist einer der wichtigsten Beiträge den ich bisher schreibe und vielleicht auch je schreiben werde. Warum? Weil ein paar meiner Freunde, Bekannte und auch ich es erlebt haben. Weil ich die Ignoranz und das Unverständnis der Menschen gegenüber kranken Menschen als sehr großes Problem empfinde. Weil wir alle, egal woher wir kommen und ob wir krank oder gesund sind, Mitgefühl und Verständnis für andere aufbringen wollen und das Recht haben, ebenso behandelt zu werden.

 

„Mitgefühl bedeutet Leidenschaft für alle.“

– Krishnamurti

 
Wir haben erlebt, was es bedeutet, krank zu sein und sich dafür rechtfertigen und entschuldigen zu sollen. Wir haben gelernt, uns mit chronischen Leiden abzufinden und trotzdem unser Leben auszukosten. Wir haben gelernt, was es heißt, weiterzumachen, auch wenn der Körper oder unsere Psyche aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wir können träumen, lachen und leben, auch wenn unser Organismus manchmal wie ein Klotz am Bein erscheint und uns elend fühlen lässt. Wir können uns das Recht nehmen, uns zu verkriechen wenn uns alles zu viel wird. Und vor allem wissen wir eines: wir wissen, wie man vor einer Masse an Unwissenheit und Ignoranz steht und diesen einen Satz immer wieder zu hören: „Du siehst ja überhaupt nicht so krank aus.“.

 
Kennst Du diesen Satz auch so gut? Bist Du auch Teil davon? Und wenn ja, wo stehst Du? Erwischst Du Dich selbst vielleicht dabei, einer Arbeitskollegin, die nun schon wieder 3 Wochen lang „krank“ ist so langsam nichts mehr abzukaufen? Oder versuchst Du schon seit Monaten oder Jahren vergeblich den Menschen um Dich herum endgültig klar zu machen, dass Du wirklich krank bist?

 
Die Schwierigkeit liegt hier zum Teil in dem grundlegenden Missverständnis, dass alle Menschen, die sich „krank“ nennen dürfen auch automatisch so auszusehen haben und natürlich eine brüchige Stimme brauchen und im Rollstuhl sitzen müssen. Es gibt chronische, meist tödliche Krankheiten wie Krebs, Aids und Multiple Sklerose, die man einem Menschen je nach Stadium auch direkt ansieht. Aber nicht nur Menschen, die mit dem Tod ringen können krank sein (und selbst diese Menschen leiden unter der Ignoranz anderer). Auch Menschen, die unter chronischen Krankheiten, wie Morbus Crohn, Migräne oder Endometriose leiden, sind wirklich krank. Man sieht Ihnen ihre Krankheit nicht an, denn viele von ihnen lernen, mit der Krankheit zu leben, in dem Wissen, dass sie sie unter Umständen bis an ihr Lebensende begleiten wird. Und dann gibt es natürlich die Menschen, die unter psychischen Krankheiten, wie Depressionen leiden. Auch sie sind wirklich krank.

 

„Die Krankheit selbst kann ein Stimulans des Lebens sein, nur muß man gesund genug für dieses Stimulans sein.“

– Robert Musil

 
Was viele Menschen verdrängen und was für viele Menschen auch tatsächlich an die Grenzen des Nachvollziehbaren stößt ist: Wie kann ein Mensch chronisch krank sein aber trotzdem oft lachen und fröhlich sein? Oder ganz normal mit einem sprechen? Und wie kann dieser Mensch wo er doch lacht und Spaß hat dann plötzlich zu unserem wichtigen Meeting/Termin etc. dann so ganz zufällig krank sein? Und viel zu schnell fällt dieser Satz „Du siehst ja gar nicht krank aus“ und hinter dem Rücken „Das bildet er / sie sich nur ein.“.

 
Ich werde mit diesem Artikel wahrscheinlich weniger Menschen ansprechen, die tatsächlich zu denen gehören, die anderen das Recht absprechen, krank zu sein. Besser gesagt: das Recht absprechen einerseits krank zu sein aber andererseits so gut damit zurecht zu kommen, dass man aktiv am Alltag teilnehmen kann. Die anderen kann man nicht ändern, aber wie immer kann man sich selbst ändern. Deshalb möchte ich den Interessierten und Betroffenen gerne erzählen, wie sie mit diesen Situationen umgehen können:

 
• Rechtfertige Dich niemals.
• Du bist nicht schuld.
• Ziehe eine klare Grenze.
• Steh hinter Dir selbst.
• Lebe!

 
Es gibt bestimmt eine Menge Menschen, die gerne verstehen möchten, was mit Dir los ist. Erkläre es ihnen. Aber erkläre es ihnen nicht, indem Du Dich dafür entschuldigst, anders zu sein. Wenn Du Schuld auf Dich lädst lehnst Du Dich selbst in genau diesem Moment ab. Du bist nicht schuld daran, dass es Dir so geht. Und selbst wenn Dein Verhalten in der Vergangenheit dazu beigetragen haben mag, dass es Dir nun so geht, kannst Du es nicht mehr ändern. Erst Recht nicht, indem Du Dir Vorwürfe machst und Dich in „Was-Wäre-Wenn“-Gedanken verstrickst. Du bist jetzt in dieser Situation. Und Du kannst Dich nur jetzt dieser Lage stellen, indem Du selbstbewusst bist und zu dem stehst wer und was Du jetzt bist. Es ist unabdingbar, sich vollends so anzunehmen, wie man jetzt gerade ist, denn nur durch Annahme geschieht Transformation. Sei es in Deinem Körper, Deiner Psyche oder letzten Endes in den Köpfen Deiner Mitmenschen.

 

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

– Mahatma Gandhi

 
Menschen, die Dich wegen der Krankheit verurteilen wird es immer geben. Die armen Wesen. Du musst verstehen, dass sie es nur tun, weil sie sehr, sehr unglücklich sind. Weil sie sich als Opfer ihrer eigenen Lebensumstände fühlen und natürlich nicht in der Lage sind, zu akzeptieren, wenn jemand selbstbewusst sagt „Ja ich bin krank, auch wenn man es mir nicht ansieht. Und ich nehme mir das Recht, nein zu sagen, abzusagen und mich krank schreiben zu lassen, wenn es mir nicht gut geht.“ während sie ein unbewusstes Leben führen, mit wenig Vermögen, sich selbst zu spüren und eigentlich nicht verstehen warum sie so unglücklich sind. Natürlich fühlen sie sich bedroht. Nur lasse das bitte nicht zu Deinem Problem werden. Erkläre es den Menschen um Dich herum, wenn Du es möchtest. Aber fange nie an Dich dafür zu entschuldigen.

 
Die Menschen, die Dich verstehen wollen, werden Dich auch verstehen. Sie werden akzeptieren, dass du eben die Person bist, die oft absagt, sich nur spontan treffen kann, weil sie nie weiß, wie es ihr am nächsten Tag geht. Sie werden Deine besondere Ernährungsweise verstehen und Dich nicht in Fast-Food-Restaurants schleppen. Sie werden Rücksicht nehmen, wenn Du Stimmungsschwankungen hast und Dich in Ruhe lassen, wenn Du die Ruhe dringend brauchst. Du brauchst keine Menschen von Dir und Deiner Krankheit überzeugen, wenn Du vor Dir, Deiner Familie und Deinen Freunden zu Dir stehen kannst. Sei freundlich und bestimmt denjenigen gegenüber, die Dir mit Unverständnis begegnen. Wenn sie lästern, frage sie offen, ob Du es ihnen erklären sollst, wenn sie sich so für Deinen Zustand interessieren. Oder ignoriere sie und konzentriere Dich auf Deinen sensationellen Erfolg, mit dieser Krankheit zu leben. Und das Tag für Tag.

Alle haben Grund, darauf sehr stolz zu sein. Und alle haben das Recht ihr Leben zu leben. Es wird immer Menschen geben, die unser Selbstverständnis und unsere Freude abwerten möchten. Die es innerlich aufwühlt, dass kranke Menschen ganz normal sein können. Aber lassen wir es doch da wo es herkommt. Lassen wir diese Menschen sich selbst ihre Problemwelt kreieren und aufrecht erhalten. Niemand kann uns zwingen, Teil davon zu sein.

 
Mach Dich frei davon und lebe.

Deine Sophia