Ebenen des Verstehens

Bordüre4Worte sind ein Gerüst aus reduzierten Gefühlen und Erlebnissen. Wir Menschen gehen davon aus, dass alles durch Worte erklärbar sein muss; es wird alles Begreifbare und Unbegreifbare auf Worte herunter reduziert. Dabei wird aber Folgendes außer Acht gelassen: Worte sind ein von Menschen geschaffenes Messsystem. Es dient dazu Dinge, die wir erleben, in Worte zu fassen. Es gibt rationales Erleben, welches sich in Gedanken äußert. Und es gibt emotionales Erleben, welches sich in Gefühlen und Gefühlsäußerungen, wie Weinen oder Lachen ausdrückt. Dennoch erfassen wir das dann auch in Worten, wie „Traurigkeit“ oder „Heiterkeit“. Beides wird rationalisiert. Ist Dir das irgendwie zu wenig? Mir auch.

 

„Alle Ideologien, ob religiöse oder politische, sind idiotisch, denn es ist das begriffliche Denken, das begriffliche Wort, das die Menschen auf so unglückliche Weise gespalten hat.“


-Krishnamurti
 

Aber es gibt da noch die spirituelle Ebene. Eine Ebene, die in unserem gesellschaftlichen Leben selten oder nicht mit einbezogen wird und noch viel weniger ernst genommen wird. Eine Ebene, auf der alles zusammenläuft, Emotionalität, wie Rationalität ihre Bedeutung verlieren und Dinge nur jenseits von Worten wirklich erfassbar sind. Klar, man kann sich ein klasse Buch von Eckart Tolle reinziehen und das alles „irgendwie“ kapieren. Und Eckart beschreibt wirklich zum greifen lebendig, um was es sich letztlich bei spirituellen Verständnis dreht. Jedoch bedient er sich zum erklären dessen nur der Sprache, die wir, die seinen Rat benötigen und Zugang zu dieser spirituellen Welt suchen, verstehen: Der Sprache der Wörter.

 

„Die Vernunft drückt das Gesetz der Notwendigkeit aus, das Bewußtsein das Wesen der Freiheit“

-Leo N. Tolstoi
 

Es sind die Wörter, die wir rational begreifen und die eventuell eine emotionale Reaktion hervorrufen: „Wow d a s beschreibt jetzt ganz genau, was ich auch denke“. Man fühlt sich von der Verstandesebene her emotional berührt. Aber bewirkt es etwas auf spiritueller Ebene? Bist Du der Erleuchtung, einem Zustand von Nicht-Ego jetzt näher als vorher? Nein. Du fühlst Dich ihm zwar näher, weil Dein Geist inspiriert ist und sich Deine Fühler ausstrecken, das zu erfühlen, was dort geschrieben steht. Aber hat es jemals wirklich „peng“ gemacht? Ich bezweifle nicht, dass es das ein oder andere Mal tatsächlich „klick“ macht, dafür sind Bücher als Medium auch wunderbar, aber „peng“ ist das dann irgendwie doch nicht.

 

„Du darfst nicht wähnen, daß deine Vernunft dazu aufwachsen könne, daß du Gott zu erkennen vermöchtest.“


-Eckart Tolle
 

Es nützt nichts, zu versuchen, rational Erfasstes auf eine spirituelle Ebene zu transportieren, denn solange der Verstand auf das zu Begreifende fixiert ist, wird Dein wirkliches Selbst nicht reagieren. Worte sind hilfreich, aber sie hindern Dich ebenso daran, das Wesentliche zu erkennen, denn das Wesentliche ist leider mit dem Verstand nicht erkennbar. Oder hast du mal versucht, den Zustand von Nicht-Ego, also den Zustand des „Seins“ in Worte zu fassen? Selbst die großen Meister, wie Ramana Maharshi waren mit n u r Worten lediglich in der Lage, diesen Zustand zu umschreiben, jedoch nicht zu erfassen. Und das aus dem Grund, weil Worte ihre Grenzen haben und bestimmte Dinge nicht in ihrer Ganzheit wiedergeben können.

 

„Es gibt kein Ding, das Nirwana wäre: es gibt nur das Wort Nirwana.“


-Hermann Hesse
 

Es ist an uns Menschen, zu verstehen, dass es keinen Zwang gibt, immer alles in Worte zu fassen. Das schönste Erleben findet jenseits von Worten statt. Wenn Du bereit bist, Dich von Worten zu entfernen und einfach mal zu schweigen, tun sich Dir Türen des Verständnisses auf, die Du bis dahin (ähnlich wie in den Büchern beschriebenen Zuständen) nur erahnen konntest.

 

„Ein wahrer Schatz kann nur im Stillen gehoben werden“

 

Warum versuchen denn wir Menschen, einfach a l l e s in Worten auszudrücken? Sie sind natürlich für unser Zusammenleben sehr wichtig aber gibt es nur diese Form der Kommunikation? Wie regeln Taubstumme das? was ist mit der Körpersprache oder damit, Energien zu erfassen? Ich muss sagen, dass ich Worte, auch wenn sie natürlich ungemein praktisch und hilfreich sind, mich auszudrücken, manchmal als ziemlich lästig empfinde. Man denkt, man könne die Welt beschreiben, denn alles m u s s beschreib- und mit Worten erfassbar sein, das ist uns von Kleinauf klar. Aber wer sagt denn so was? Das geht sogar so weit, dass Menschen es für selbstverständlich halten, ihre Liebe mit Worten auszudrücken! Und ihnen fällt nichts besseres ein, als „Ich liebe Dich“. Warum ist das so? Der erweiterte Satz „Ich liebe dich so unbeschreiblich…“ erklärt es. Es ist nicht zu beschreiben. So simpel ist es. Warum muss man die Liebe, die man füreinander empfindet, denn in Worte quetschen, obwohl Worte dieser gigantischen Empfindung noch nicht mal zur Hälfte gewachsen sind?

 

„Außerhalb der Worte gibt es keinen Widerspruch.“


-Antoine de Saint-Exupéry
 

Und wenn man bedenkt, was durch diese ganze Ansammlung an Worten, die Tag für Tag auf uns einprasseln für Missverständnisse aufkommen. Sind nicht auch Worte auch dafür verantwortlich, dass wir die Anbindung an unsere Intuition verlieren? Wenn man sich streitet, dann wirft man sich eine Reihe von Äußerungen und Argumenten an den Kopf und erwartet, dass das etwas lösen würde. Oft kommen dann, wenn man sich wieder verträgt, diese berühmt berüchtigten „Du hör mal, das habe ich nicht so gemeint…“-Sprüche. Aber würde sich ein Streit eventuell nicht besser beilegen lassen, wenn man sich, bevor man sich entscheidet zu streiten, einfach mal wirklich in die Augen schaut? Ist der andere dieser bösartige Mensch, zu dem Du ihn nun mit Worten degradieren möchtest? Sind Worte, die ungeordnete Emotionen, die gerade in Dir brodeln denn überhaupt angemessen, b e v o r Du den anderen nicht auf jeder Ebene erfasst – so wie er gerade ist? Ist er vielleicht auch hilflos und überfordert? Den anderen in einer solchen Situation zu erfühlen ist natürlich hilfreich, jedoch darfst Du nicht außer Acht lassen, dass Deine Gefühle, besonders in diesem Moment auch nicht den realen Zustand widerspiegeln. Deine Gedanken mögen sich ordnen und schließlich vielleicht auch Deine Gefühle bezwingen, aber bist Du dadurch der Wahrheit näher?

 

„Der letzte Schritt der Vernunft ist die Erkenntnis, daß es eine Unendlichkeit von Dingen gibt, die sie übersteigen.“


-Blaise Pascal
 

Ich möchte Worte nicht verteufeln, natürlich brauchen wir sie! Sie sind unter anderem wichtig, damit wir unserem völlig menschlichen Bedürfnis nach Austausch nachkommen können. Aber es ist dennoch so, dass es gerade die Worte sind, die uns alle oftmals davon abhalten, das Wesentliche zu erfassen, besonders, wenn es um sogenannte „unbeschreibliche“ Dinge geht. Man kann dazu unterschiedlichste Sinne benutzen, vor allem aber ist es die Bewusstheit, die es uns ermöglicht, Dinge auch so zu sehen, wie sie sind. Worte sind nützlich – für die sprachliche Ebene des Verstehens und der Kommunikation geradezu unentbehrlich. Aber ich möchte Dich daran erinnern, die Worte als Werkzeug wahrzunehmen und nicht selbst zum Werkzeug der Worte anderer (oder Deiner eigenen) wirst. Unser Wesen benötigt Raum, Bewusstheit zu entwickeln: eine Ebene, die neben unserem emotionalen und rationalen Begreifen existieren kann und bei den Wenigsten unter uns auch ohne sie. Darüber zu schreiben überlasse ich dennoch lieber diesen Wenigen, deren Namen berühmte Buchcover, wie „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart.“ oder auch „Ich bin“ zieren.

 
Deine Sophia