Im Interview: Autor Dietmar Bittrich

Dietmar Bittrich wurde am 11.03. 1913 geboren. Sein selbstzufriedenes Aussehen verdankt der 100jährige den täglichen Einläufen mit sechs Litern Aloe-Vera-Saft. Wie er all seine Verwandten überlebte und obendrein beerbte, schildert er in seinem splitterfaserneuen Buch „Der tödliche Rasierspiegel – Wie man lästige Verwandte los wird“. Übrigens: Bittrichs Oberseller „Gummibärchen Orakel“ wird jetzt auf persönlichen Wunsch des Dalai Lama ins Tibetische übersetzt! Auch „Die Erleuchten kommen“ langsam auf den Geschmack.“

So stellt sich Bestsellerautor Dietmar Bittrich auf seiner Homepage vor. Na das klingt ja vielversprechend, ich wollte schon immer mal jemandem meine Fragen um die Ohren hauen, der nach 3 Litern nicht schon einfach so schlapp macht!
Alles begann in lustiger Runde bei mir zu Hause, als meine Freundin Isabelle vorschlug, eine Runde Gummibärchen zu ziehen. Vielleicht kannst Du Dir meine Überforderung vorstellen, als ich plötzlich 2 rote, 2 weiße und 1 ROSA Bärchen gezogen hatte! Katastrophe! Was soll das nun bedeuten? Ich hatte völlig vergessen, dass besagte Saftbärenmarke, welche die Schmackhaftigkeit ihres Produktes mit strahlender Unterstützung von blond-gewellten Großvätern anpreist, sein Sortiment um eine Bärchenfarbe erweitert hatte! Schreck lass nach. Da ich dieser quälenden Situation auf Dauer nicht gewachsen war, beschloss ich, nach Antworten zu suchen. Und als ich mich in den Weiten des Internets verlor, bemerkte ich plötzlich : „Oh, das ist ja auch der Autor von „Die Erleuchteten kommen“?“. Dieses Buch las ich vor einiger Zeit mit Begeisterung, weil es eines dieser erfrischenden Exemplare ist, die nicht viel Trara um das machen, was wir wohl alle irgendwo suchen: Die Antworten auf unsere Fragen, am besten mit wenig Tränen und Schweiß und uns irgendwie von Leid zu befreien.
Also war es klar: Der gute Mann muss interviewt werden, insbesondere, nachdem ich ein Video mit ihm sah und mich kaputt lachen musste. Ich bin wirklich froh, mich mit Dietmar ausgetauscht haben zu können, ich mag kluge und wunderbar gewöhnliche Menschen. Das ist immer wieder erfreulich! Der Rest steht hier…

 

• Leserfrage von Ilona: Du bist ein spiritueller Mensch. Was macht Deine Spiritualität besonders aus?

Dass sie nichts Besonderes ist. Natürlich habe ich das mal geglaubt. Ich dachte, die spirituelle Suche sei feiner und wertvoller als die Suche „materieller“ Menschen. Ich dachte, ich sei weiter als die. Fünfundzwanzig Jahre lang habe ich hingebungsvoll meditiert, um im buddhistischen Sinn zu „erwachen“, rauszukommen aus den Sorgen, der Furcht, dem Ich-Gefängnis. Dann begegnete ich Leuten, die keine einzige Minute meditiert hatten, die sich niemals um etwas Spirituelles gekümmert hatten – und bei denen es trotzdem Klick gemacht hatte. Sie waren „erwacht“ oder „erleuchtet“. Bekannte Beispiele für Menschen, die aus Ignoranten über Nacht zu Buddhas wurden, sind Byron Katie und Eckhart Tolle oder der aus einem Alkohol- und Prügel-Dasein direkt erwachte Sailor Bob Adamson. An ihnen und ihresgleichen ist mir vor allem aufgefallen, dass sie „einfach“ sind. Ich hatte gedacht, Erleuchtung mache einen Menschen zu etwas ganz Besonderem, Charismatischem. Doch sie macht ihn einfach, demütig und klar.

 
• Was bedeutet das für Deinen Alltag? Was wird dadurch leichter?

Als erste Konsequenz habe ich aufgehört zu meditieren. Wenn Leute, die sich nicht im geringsten spirituell bemüht haben, plötzlich erwachen, bedeutet das: Du kannst es nicht erkämpfen. Wenn es geschehen soll, wird es geschehen, egal wie trottelig du dich anstellst. Wenn es nicht geschehen soll, wird es nicht geschehen, egal wie sehr du dich ins Zeug legst. Das zu sehen, ist frustrierend – wenn du reichlich Mühe, Zeit und Geld investiert hast. Und andererseits ist es entspannend. Es nimmt dir eine drückende Last ab, nämlich die Last der Verantwortung für deine Entscheidungen oder Fehlentscheidungen. Du bist nicht der Handelnde. Etwas handelt durch dich, nenne es Gott, das Sein oder Das. Du kannst dir getrost das Bedauern vergangener Irrtümer sparen und die Furcht vor der Zukunft ebenfalls. So sehr es dem gewöhnlichen Denken widersprechen mag: Du hast das alles nicht in der Hand. Deshalb das entspannende Abwinken von Jesus an seine Anhänger: „Macht euch keine Sorgen, ob ihr genug zu essen und genug anzuziehen habt. Seht euch die Vögel an, die säen nicht, die ernten nicht, die sammeln nichts in die Scheunen, euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Das Wort ist berühmt, folgen können ihm nur diejenigen, bei denen das genauso wie bei Jesus gesehen wird. Dann wird das Leben einfach gelebt, von Moment zu Moment, einverstanden mit dem, was ist. Die Gedankenspiele um Vergangenes und Zukünftiges verblassen.

Dietmar_Zitat_1

• Ich beschäftige mich mit meinen Lebensgeistern und denen anderer Menschen. Wie sieht es aus, erkennst Du bestimmte Geister besonders in Dir selbst wieder?

Das Modell mit den Lebensgeistern ist eine Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen. „Erkenne dich selbst“, ermunterte Sokrates seine Schüler. Und der indische Weise Ramana Maharshi empfahl, sich mit der Frage „Wer bin ich?“ selbst zu erforschen. Genau darum geht es auch bei den Lebensgeistern. Sie eröffnen einen spielerischen Zugang, ähnlich wie das Ennegramm oder wie die Astrologie. Du findest heraus, wie du tickst. Du wurdest mit einem bestimmten Temperament geboren. Alles, was zu diesem Temperament passte, hast du im Laufe deiner Entwicklung angenommen; was deinem Temperament widersprach, hast du abgelehnt. Deine Eltern haben dir eingebimst, dass du was aus deinem Leben machen sollst. Dann kamen die Lehrer dazu. Bis heute bekommst du täglich Injektionen der Medien. Alle sagen dir, was du machen sollst, was andere besser machen als du und was du auf keinen Fall tun sollst. Und diese Geister reden auch in dir. Aus ihren Farben setzt sich der Filter zusammen, durch den du das Leben siehst. Aus ihren Einflüsterungen entsteht der laufende Kommentar, mit dem du jeden Schritt gedanklich begleitest. Das Lebensgeister-Modell kann helfen, diese Stimmen zu entwirren – auf anmutige Weise.

 
• Was ist Dein Rezept, sehr dominante Geister auszubalancieren? Und aus anderen das Beste herauszukitzeln?

Vielleicht befindet sich alles bereits in perfekter Balance, und wir sehen es nur nicht? Weil unser programmierter Verstand es besser zu wissen glaubt? Der Verstand ist immer im Fehlersuch-Modus. Er kann die Balance nicht erkennen. Ich liebe das chinesische Yin-Yang-Symbol: diesen Kreis, in dem Weiß und Schwarz im perfekten Gleichgewicht sind. Du kannst nicht Weiß vermehren, ohne gleichzeitig Schwarz zu vermehren. Das heißt unter anderem: Du kannst dir keinen Vorteil erobern ohne eine gleich hohen Nachteil. Wenn das verstanden wird, tritt Entspannung ein. Du kannst dein Leben nicht optimieren. Und du brauchst es auch nicht. Denn vielleicht weil es schon optimal ist, hier und jetzt? Und das wird lediglich übersehen? Weil all die Verbesserungsrezepte nur davon ablenken? Die Zeitschriften sind voller Glücksrezepte, die Ratgebersendungen leben davon, die Priester, Coaches, Motivationstrainer verdienen damit ihr Geld. Rezepte, wie man Geister ausbalanciert und das Beste aus allem herauskitzelt, mögen für eine begrenzte Zeit funktionieren. Dann misslingen sie. Das gilt für jedes Glücksrezept. In meinen Zwanzigern folgte ich mit tausend anderen einem Meister des positiven Denkens. Anfangs schien das glänzend zu klappen. Doch unser Enthusiasmus legte sich, als der Meister einen Selbstmordversuch machte. Später begleitete ich einen berühmten Motivationstrainer. Seine Rezepte waren genial, auch für mich; allerdings nur, bis er bankrott ging und wegen Betruges im Gefängnis landete. Du brauchst nicht zu versuchen, das Beste herauszukitzeln. Du kannst darauf vertrauen: Was das Beste für dich ist, passiert sowieso.

Dietmar_Zitat_3

• Ich habe vor einiger Zeit Dein Buch „Die Erleuchteten kommen“ gelesen. Was ist aus heutiger Sicht die größte Lektion, die du aus dem Satsang gezogen hast?

Dass alles, was wir erreichen wollen, bereits hier ist. Glück, Einssein, Frieden. Es ist alles schon da. Es wird allerdings verdeckt vom unaufhörlichen gedanklichen Kramen in der Vergangenheit und vom Suchen in einer imaginären Zukunft. Im Satsang fallen all diese gedanklichen Überlagerungen weg. Die ursprüngliche Freiheit tritt zutage. Das ist die Erleichterung dort. Satsang heißt so viel wie „Zusammensein in Wahrheit“. Es ist zunächst mal das Zusammensein mit einem Lehrer, bei dem es gefunkt hat. Bei dem die Identifikation mit einem Ich sich aufgelöst hat. Das ist zu spüren. Er oder sie verteidigt nicht eine Person. Er will auch nicht als Lehrer bezeichnet werden. Deine Fragen beantwortet er einfach und klar. Er versucht nicht, dich zu manipulieren. Er will nichts von dir. Er strahlt Frieden aus. Er verkörpert Freiheit. Diese Sphäre ist entspannend und heilsam. Du musst da nichts lernen. Du kannst alles Erlernte vergessen. Deine Gedanken kommen zur Ruhe. Du gehst zutiefst erholt wieder raus. Der Nachteil: Du kapierst allmählich, dass das, wofür du dich gehalten hast, lediglich ein Gedankengebäude ist. Deshalb ist dein Ich so erschütterbar. Es ist auf Dauer nicht zu halten. Und diese Erkenntnis ist nicht nur angenehm.

 
• Warum fallen Deiner Meinung nach so viele suchende Menschen auf „Scheingurus“ herein?

Weil sie es so von Kleinauf gewohnt sind. Lehrern zu folgen, ist ein Teil der Suche. Unsere erste Lehrerin war unsere Mutter. Dann vermutlich unser Vater. Waren die beiden glücklich und in Frieden? Nein. Trotzdem haben sie uns beizubringen versucht, wie wir glücklich werden können, nämlich mit Fleiß, gutem Benehmen, mit Schule, Beruf, Partner, Haus, der richtigen Weltanschauung. Sie waren unsere ersten Scheingurus. Denn sie waren nicht glücklich, haben aber so getan, als wüssten sie, wie es geht. Dann kam der Pfarrer, der vom Seelenfrieden redete, und der Psychotherapeut, der uns befreien wollte. Der Pfarrer hatte keinen Frieden, der Therapeut war nicht frei. Sie waren Scheingurus. Solche Leute, die es keineswegs böse meinen, pflastern unseren Weg. Und wir folgen ihnen immer so lange, bis wir etwas Besseres finden. Wir folgen dem Geschmack der Freiheit. Das geschieht ganz von selbst.

 
• Leserfrage von Melanie: Was rätst Du Menschen, die auf ihrer Suche nicht fündig werden?

Die Suche zu genießen. Wer sucht, erlebt ja keineswegs nur Frustration, sondern jede Menge Drama, Spannung, Abenteuer. Die Suche endet erst, wenn die Faszinationskraft der Dramen nachlässt. Irgendwann tritt da eine Ermüdung ein. Wenn du das testen willst, verzichte mal eine Woche lang auf Fernsehen, Zeitung und auf die News im Web und auf das Gerede in den Social Media. Das ist ein harter Entzug! Die Medien versorgen uns mit den Drogen, nach denen unser Ich verlangt: mit Stoff zum Aufregen und zum Empören, mit Stoff zum Hoffen und zum Ängstigen. Diesen Stoff kannst du dir rund um die Uhr reinziehen. Aber was bleibt, wenn du ihn plötzlich weglässt? Vielleicht kommt es dir erstmal komisch vor. Die Stille ist sogar ein bisschen unheimlich. Dann wirst du ruhiger. Du merkst, dass du diese dauernden Injektionen von Aufregung nicht brauchst. Du merkst, dass dein Ich sich immer an diesen Aufregern abgearbeitet und aufgerichtet hat. Das Ich wächst durch Widerstand, und die News servieren die Motive für Widerstand. Jetzt pumpt sich der Ballon nicht mehr auf. Das Ich schrumpft. Der Stoff geht ihm aus. Du merkst vielleicht: Was du in deiner Essenz bist, braucht diesen Stoff nicht. Es braucht gar nichts. Wenn das gesehen wird, endet die Suche.

Dietmar_Zitat_2

• Deine neueren Bücher, wie „Das Weihnachtshasser Buch“ oder auch „Alle Orte, die man knicken kann“ beschäftigen sich nicht vorrangig mit spirituellen Inhalten. Wirst du noch einmal in dieser Richtung schreiben?

Ja, das bleibt ein Thema. Mit dem Satsanglehrer Karl Renz habe ich ein Buch gemacht, „Das Buch Karl“ und arbeite an einem weiteren mit ihm über Koans; Koans heißen im Zen diese widersprüchlichen Rätsel, die den Verstand aushebeln. Mit dem Satsanglehrer Torsten Brügge habe ich zusammengearbeitet bei seinem Buch „Besser als Glück“. Und jetzt sind wir an einem Buch mit dem Arbeitstitel „Sieben Fragen, die zum inneren Frieden führen“. Gleichwohl muss ich einräumen: Die meisten erleuchteten Zen-Meister haben nie ein Buch gelesen, der erwähnte Raman Maharshi ebenfalls nicht oder vielmehr erst nach seinem Erwachen. Zu Buddhas Zeiten gab es nur eine mündliche Überlieferung. Man ging zu einem Weisheitslehrer, wenn einen das Thema anzog. Das ist heute noch die beste Wahl, weil selbst aus dem weisesten und klarsten Buch der Verstand sich nur das heraussaugt, was ihn bestätigt. Paulus hat sehr streng geschrieben: „Der Buchstabe tötet, nur der Geist macht lebendig.“ Im Satsang wird das völlig klar. Immerhin können Bücher auf solche Möglichkeiten hinweisen. Und das tue ich auch, auf unterhaltsame Weise, in jedem Buch.

 
• Zu guter Letzt die Frage, die mich die ganze Zeit beschäftigt: Es gibt nun sechs Gummibärchen-Sorten, anstatt fünf. Wird „Das Gummibärchen Orakel“ generalüberholt?

Das ist es nicht nötig. Zwar gibt es jetzt zwei unterscheidbare Rot-Nuancen, doch die gab es vor vielen Jahren schon mal. Deshalb sind sie von Anfang ins Orakel aufgenommen worden, und zwar im Teil „Fragen und Antworten“. Da heißt die Frage: „Ich habe nicht nur rote, sondern auch rosa Bärchen!“ Und die Antwort: „Nehmen Sie beide Farben als Rot. Bei den meisten Herstellern sind Rot und Rosa ohnehin nur schwer zu unterscheiden. Wenn Sie einer genaueren Deutung auf die Spur kommen wollen, denken Sie daran, dass Rosa eine abgemilderte Form von Rot ist. Rosa hat mehr die Bedeutung von Verliebtheit als von Leidenschaft. Wenn es um Aktivität geht, ist es die passivere Farbe. Rot ist die härtere Kraft, Rosa die sanftere Kraft. Aber Sie brauchen diese Unterscheidungen nicht zu beachten.“ Dabei bleibt es. Ob Grün nun neuerdings nach Apfel schmeckt statt wie früher nach Erdbeer – das Orakeln geht weiter nach Farben und bleibt ungestört von Aromen. Sonst würde ich immer nur gelbe und orange Bärchen ziehen…

Schlagwörter: