Let Love Rule – Ein Gastbeitrag

LET LOVE RULE – Jesus, Nena, Buddha und Eartha Kitt erklären uns die Liebe

ein Gastbeitrag von Achim Reschke

 
Erklären? Geht das und wozu? Ein begriffliches Konzept der Liebe ist gut, damit man sich darüber verstehend und verständlich unterhalten kann. Worte über die Liebe sind sicher kein Ersatz für die gelebte Liebe – Denken, Fühlen und Handeln im Geist der Liebe. Dennoch glaube ich, dass auch der Versuch, Liebe mit dem Verstand zu erfassen sich lohnen kann.
Ich muss allerdings den Begriff im Wesentlichen auf die überpersönliche, bedingungslose Liebe konzentrieren, da die persönliche, leidenschaftliche Liebe von uns Menschen bekanntermaßen an viele Bedingungen geknüpft wird. Ich gebe gerne zu, dass ich mich selbst irgendwo auf der Strecke zwischen Unzulänglichkeit und Ideal befinde, da ich mein Ego noch nicht abgelegt habe.

Die für mich bislang beste Beschreibung der überpersönlichen Liebe begegnete mir im Vorwort eines Buches über den tibetischen Buddhismus: „Liebe ist der Wunsch, alle Wesen im Besitz von Glück zu sehen.“ Anders als der meistgewählte Gegenstand von Popsongs und Liebeserklärungen bezieht sich diese Liebe auf alle Wesen und ist ein bedingungslos ausgesendeter Wunsch im Gegensatz zur Sehnsucht, der ein Mangelempfinden und eine erwartete Zuwendung zugrunde liegt. Auch wird mir mit diesem Zitat klar, wie sehr Glück und Liebe miteinander verwandt sind. Buddha lässt keinen Zweifel daran, wie der Weg zum Ideal beschaffen ist: „Es gibt keinen Weg zum Glück. Glück IST der Weg.“ Ich sehe eine Parallele zur Erkenntnis „Erfolg macht Erfolg“, besonders wenn ich mir vergegenwärtige, dass echter Erfolg bedeutet, das zu tun, was man liebt und das zu lieben, was man tut. Es handelt sich also um eine Lebenseinstellung, und diese ermöglicht die Erfahrung, dass diese immateriellen Güter sich mehren, wenn man sie teilt. Sie ist damit im Wesen etwas ganz anderes, als eine Liebe, die man einfordert, weil man meint, dass sie einem zusteht aber vorenthalten wird. Solche Liebe wird eher aus Angst vor Ablehnung gewünscht und man glaubt, so die Angst zu überwinden. Doch erklärt uns tatsächlich ein Popsong: „Liebe wird aus Mut gemacht.“ (Nena: irgendwie, irgendwo, irgendwann) Die bedingungslose Liebe schließt eine persönliche Liebesbeziehung gar nicht aus sondern wird – im Gegenteil – zum Gelingen derselben beitragen.

Man findet im tibetischen Buddhismus natürlich doch weitere, einleuchtende Erläuterungen zum Weg der Verwirklichung der Liebe. Gendün Rinpotsche schreibt in seinen Herzensunterweisungen: „Liebe ist der Wunsch, dass alle Wesen vollkommenes Glück erfahren mögen. Sie drückt sich im Wirken zum Wohl der Lebewesen aus – an jedem Ort und in jeder Situation. Liebe ist nicht nur einfach eine Absicht – sie muss sich auch im Handeln zeigen. Dharmapraxis bedeutet deshalb, Körper, Rede und Geist in heilsamem Verhalten zu schulen und die daraus entstehende positive Kraft allen Wesen zu widmen, damit sie so schnell wie möglich Erleuchtung erreichen. Die Geisteshaltung, für das Glück und Wohlergehen aller zu wirken, wird dann allmählich zu einer alles durchdringenden Lebenseinstellung. Die liebevolle Haltung strömt durch unser Verhalten und durch unsere tägliche Aktivität nach aussen. Wir werden anderen ein inspirierendes Beispiel dafür, was zu tun und was zu lassen ist. Mit jedem Moment reiner Motivation klärt sich unser Geist ein wenig mehr und unser Verhalten wird reiner. […] Wir beginnen mit dem Annehmen von uns selbst, dann von uns nahestehenden Personen, dann von solchen, die uns bisher gleichgültig waren, und dann weiten wir diese Liebe auf jene aus, die wir bisher als schwierig und unangenehm erlebt haben.
Es geht nicht darum, unsere Liebe und unser Mitgefühl zu nivellieren und so eine Art mittelmässige Liebe auf alle Wesen zu verteilen. Es geht darum, die Liebe zu unseren Nächsten als Startpunkt zu nehmen, diese Liebe dann von Anhaftung zu befreien, diese von Anhaftung befreite Liebe immer tiefer werden zu lassen und auf alle anderen auszudehnen, so dass also alle das Höchstmass an Liebe zuteil bekommen. „

Ich halte dies nicht für so etwas wie religiöse Verklärung sondern für einen lebensnahen, konkreten Weg, unser Dasein auf Gutes auszurichten und damit der bedrückenden Anhäufung von menschengemachtem Leid etwas wirksam entgegenzusetzen. Einwände gegen diese Praxis der Liebe sind meiner Meinung nach meist Ausdruck der Angst vor Veränderung und nicht hilfreich. Alles wünschenswerte, wie Empathie, die Befolgung der Goldenen Regel, Gerechtigkeit und Frieden rücken mit der Entscheidung für gelebte Liebe näher.

Ich finde es auch aufschlussreich, das überpersönliche Konzept von Liebe als Wunsch und Lebenseinstellung im Kopf zu behalten, wenn ich Zitate lese, und möchte im Folgenden zwei kurz besprechen.

Zitat #1)

„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“

Jesus soll dies gesagt haben, und ich finde zum Beispiel Bestätigung bei der Sängerin Eartha Kitt:

„Es geht darum, sich selbst zu lieben und diese Liebe mit anderen zu teilen und nicht darum, nach Liebe zu suchen, um den Mangel an Selbstliebe zu kompensieren.“

Sich selbst zu lieben würde nun bedeuten, dass wir uns selbst erlauben und wünschen im Besitz von Glück zu sein. Tun wir das wirklich? „Glück IST der Weg“ – dann koppeln wir Glück wohl besser von den vergänglichen Dingen so weit wie möglich ab. Sonst entpuppt sich der Weg als Sackgasse (die „zum Glück“ eine Umkehr erlaubt), da die Quelle des vermeintlichen Glücks immer wieder versiegt. Wir wissen es doch längst: Unser materieller Überfluss ist die Armut der anderen und geht mit unserer eigenen seelischen Verarmung einher. Seneca sagt hierzu: „Den größten Reichtum hat, wer arm an Begierden ist“.

Lao Tse klärt uns im Zitat #2) darüber auf, was aus vermeintlichen Tugenden wird, wenn ihnen der Geist der Liebe nicht zugrunde liegt:

„Pflichtbewusstsein ohne Liebe macht verdrießlich
Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos
Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart
Wahrhaftigkeit ohne Liebe macht kritiksüchtig
Klugheit ohne Liebe macht betrügerisch
Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch
Ordnung ohne Liebe macht kleinlich
Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch
Macht ohne Liebe macht grausam
Ehre ohne Liebe macht hochmütig
Besitz ohne Liebe macht geizig
Glaube ohne Liebe macht fanatisch.“

Auch diese Betrachtung macht deutlich, wie wichtig der Geist der Liebe in unserer Welt ist, und wie er zu unserer eigenen und gesellschaftlichen Gesundung beiträgt.
In diesem Sinne:

„Let Love rule!“

– Lenny Kravitz

Unterschrift_Achim