Rache oder Freiheit?

Bordüre IndienNeulich sprach ich mit einem Freund darüber, warum er sich oft wütend fühlt. Er sagte, dass sich seine Vorstellung, wie die Welt sein sollte so sehr davon entscheidet, wie die Außenwelt tatsächlich ist. Damit meinte er nicht unbedingt die Tatsache, dass es Kriege und Hunger gibt, sondern er sagte, dass, davon abgesehen, dass in der Welt generell einiges schief läuft, ihm sein direktes Umfeld in der Vergangenheit so sehr zusetzte, dass er sich seitdem sozusagen „dauerwütend“ fühlt.
Bestimmt kennst Du Dieses Phänomen. Vielleicht fühlst Du Dich nicht unbedingt dauerwütend, jedoch kennst Du bestimmt dieses Gefühl schier daran zu verzweifeln, wie grausam, verlogen und egoistisch Menschen überhaupt sein können, oder? Natürlich ist die Konsequenz aufgrund vergangener oder auch andauernder Verletzung durch das Umfeld, dauerhaft wütend zu sein nicht die weiseste Lösung, mit den daraus entstehenden Gefühlen umzugehen, aber oft kann man dies auch nicht steuern. Vielleicht empfindest Du Trauer, vielleicht Verzweiflung. Alle negativen Gefühle, die Du als Konsequenz aus dem Verhalten anderer fühlst, wenden sich gegen Dich. Ich muss Dir ja wahrscheinlich nicht groß erklären, dass dauerhaft Wut zu empfinden genauso ungesund für Deine Seele und Deinen Körper ist, wie zu einem Trauerkloß zu verkommen oder vor Verzweiflung die eigentliche Perspektive und Schönheit Deines Lebens aus den Augen zu verlieren, oder?

 

„Wenn du besonders ärgerlich und wütend bist, erinnere dich, dass das menschliche Leben nur einen Augenblick währt.“

– Marc Aurel

 
Negative Emotionen loszulassen ist eine nicht ganz einfache Aufgabe. In den ganzen Selbsthilfebüchern, spirituellen Büchern oder auch Vorträgen und CDs hört oder liest man von Autoren die Wut loszulassen. Aufzulösen. Zu akzeptieren. Die haben gut Reden. Wenn Du gerade total sauer bist, kannst Du dann einfach mal eben in Dich gehen und Dir sagen „Ich bin total schlecht behandelt worden aber ich lasse jetzt alle damit verbundenen negativen Gefühle los.“ und dann sind sie weg? Wenn ja, dann kann ich nur meinen Hut vor Dir ziehen. Aber da ich viele Emails von Lesern – vielleicht auch von Dir? – bekommen habe, die davon handelten, Verletzungen nicht loslassen zu können, wende ich mich jetzt natürlich dem zu.
Der erste Schritt ist: Verstehen, dass Du andere nicht ändern kannst. Wenn Du aufhörst, Dich mit Fragen nach dem „Warum“ oder Verzweiflung über Ungerechtigkeit im Kreis zu drehen hast Du einen großen Schritt gemacht. Es ist wichtig, dass Du begreifst, dass diese Wut über Ungerechtigkeit und die Trauer darüber wie unfair oder sogar vorsätzlich grausam Menschen sein können, Dir deine Energie raubt. Solche Fragen entstehen nur aus einem Grund: Du bist in der Opferrolle. Und das ist vielleicht der wichtigste Rat, den ich Dir überhaupt mit auf den Weg geben kann: Wer in der Opferrolle verweilt, wird niemals loslassen können. Wer sich mit der Position eines Opfers identifiziert entwickelt nicht nur eine ganze Reihe negativer Emotionen, die ihn so lange verfolgen, bis er diese Rolle aufgibt; sondern gibt auch jegliche Selbstverantwortung aus der Hand. Sei ehrlich zu Dir – wenn Du Deine Opferrolle erst erkannt hast, wird es um einiges leichter, einen Weg aus der Wut und der Kraftlosigkeit zu finden – Du kennst nun schließlich den Weg.

 

„Betrachtet den Schaden, den andere Euch zufügen, als Frucht Eurer früheren Taten und vermeidet so Ärger.“

– Nagarjuna

 
Ob es nun so ist, dass in Deinem Umfeld einer oder mehrere Energiesauger sind, die Dir Deine Kraft rauben oder ob es Menschen sind, die versuchen, Dich im Job oder Freundeskreis, kleiner zu machen: Deine Verantwortung ist, diese Situation zu erkennen und Dir das nicht länger gefallen zu lassen. Menschen können Dir nur wirklich schaden, wenn Du sie lässt. Es gibt natürlich Grenzen, in denen jemand böswillig handelt und jemanden raffiniert täuscht, um ihn vor die Wand fahren zu lassen – das kenne ich selbst auch. Allerdings nützt es auch da nichts, sich über diese Ungerechtigkeit und den Schmerz, der Dir zugefügt wurde, zu schimpfen oder zu jammern. Reg Dich ruhig darüber auf, denn Wut ist auch eine wichtige Triebkraft, aber verweile nicht dabei. Nutze Deinen Ärger, um Dich frei zu machen. Wenn Du bisher nicht die Kraft dafür hattest, lautet Dein Motto „Selbstliebe entwickeln“. Wer sich selbst genug schätzt, sich selbst gut behandelt und sich selbst akzeptiert und mag, der wird in solchen Momenten die Power haben, sich zu wehren. Ob das nun ein aktives Wehren gegen die Personen, die Dir schaden ist oder ein passives Wehren, welches sich in Deinem Inneren abspielt, kommt ganz darauf an, welcher Weg Dir am meisten nützt.

 

„Rache ist eine Handlung, die man begehen möchte, wenn und weil man machtlos ist: Sobald aber dieses Gefühl des Unvermögens beseitigt wird, schwindet auch der Wunsch nach Rache.“

– Paul Watzlawick

 
Herauszufinden ob aktives oder passives Wehren Dein Weg ist, ist relativ einfach. Wenn Du nicht genügend Kraft, Selbstbewusstsein oder Standvermögen hast, so solltest Du zunächst in jedem Fall den Weg des passiven Wehrens gehen. Selbstrespekt aufbauen und Verantwortung dafür übernehmen, dass Du Deinen Weg gehst und ihn mit erhobenem Haupt gehen kannst. Es ist gut möglich, dass Dir Rachegedanken kommen, doch mit Rache fütterst Du nur die Energie, die zuvor schon einmal die Macht hatte, dir zu schaden. Deshalb ist auch das Wesen des aktiven Wehrens eine kleine Kunst für sich – man muss lernen zu unterscheiden zwischen Selbstverteidigung oder Heimzahlung. Meistens raubt einem die Suche nach Vergeltung noch mehr Kraft, als man ohnehin schon eingebüßt hat. Und vor allem: Hast Du Dich erst einmal gerächt, musst Du damit leben, jemandem vorsätzlich geschadet zu haben. Egal ob dieser Jemand das verdiente oder nicht, Du hast Dich instrumentalisiert, um jemandem zu schaden und das schlägt nicht selten sehr stark auf Dein Gewissen. Außerdem wird dieser Jemand spätestens dann das Ausmaß der Verletzung spüren, die er Dir zugefügt hat und dies als Erfolg werten – Du siehst also, dass Rache nie der gesunde Weg für Dich ist. Aktives Wehren hingegen erfordert genug Selbstvertrauen, um im richtigen Moment die richtige und für Dich förderlichste Energie zu aktivieren, um denjenigen, der Dich angreift, abwehren zu können. Das erfordert ein sehr gutes Gespür für sich selbst und vor allem die Grenzen, die man anderen gesetzt hat. Vielleicht neigst Du aber zur Gutmütigkeit und lässt oft mehr über Dich ergehen, als eigentlich gut für Dich ist. In diesem Fall solltest Du Dich von dem Wunsch nach Vergeltung frei machen und Dich darauf konzentrieren, was Dir gut tut.

 

„Wer sich selber haßt, den haben wir zu fürchten, denn wir werden die Opfer seines Grolls und seiner Rache sein. Sehen wir also zu, wie wir ihn zur Liebe zu sich selbst verführen!“

– Friedrich Nietzsche

 
Es geht hier um Dich, wenn Du Dich in der Opferrolle gefangen hältst, wirst Du dauerhaft negative Emotionen empfinden, wie Wut, Trauer, Aggression oder Verzweiflung. Es kommt auf Deine Entscheidungen an, wie es Dir aus einer negativen Ausgangssituation heraus zukünftig gehen wird. Es ist leicht gesagt „Du solltest es Dir wert sein, diese Emotionen anzugehen und zu transformieren.“. Aber im Grunde solltest Du Das wirklich. Wenn Du Dich gefangen hältst, in Dauerwut oder Trauer bleibst, so wird Dir das, was diese negativen Gefühle verursacht hat, immer wieder passieren. Das Leben ist für uns alle ein Lernprogramm. Fehler muss man so oft wiederholen, bis man sie nicht mehr macht. Und zuzulassen, dass Dir andere weh tun, dir Schaden zufügen und schlecht behandeln ist, auch wenn ich dieses Wort wirklich nicht mag, ein Fehler. Ein notwendiger Fehler, den wir alle früher oder später machen müssen, um zu lernen, für uns einzustehen. Es liegt an Dir, ob Du diese Chance nutzt. Und dabei ist es vollkommen egal, wie ungerecht und unfair Du behandelt wurdest – das Festklammern an diesen Bewertungen macht es Dir nur unnötig schwer. Rache haftet nicht an einem großen Herzen, sagte schon Konfuzius. Und, ganz im Ernst, was würde denn die Person, die schlecht zu Dir was mehr ärgern, als das Du einfach glücklich bist?

 
Viel Glück dabei, mach Dich frei vom Opfer-Täter Schema.
Du wirst jede Menge Energie zurückbekommen.

Deine Sophia