Sag „ja“ zum Alleinsein

Bordüre Indien
Ich war überrascht, als ich feststellte, dass ich bisher keinen Beitrag zum „Alleinsein“ geschrieben habe, komme ich mir doch manchmal so vor als hätte ich das erfunden. Wie? Du auch? Na dann lass uns doch gleich gemeinsam unser Patent anmelden oder meldet sich jetzt noch wer? Was? Du auch noch?
Was jetzt vielleicht erst Mal so klingt, als wolle ich die Dose Selbstmitleid über mir auskippen ist eigentlich das Gegenteil: Ich liebe es. Ich akzeptiere es. Ich lebe es. Und ich brauche es auch. Und da ich, genau wie Du, weiß, wie grausam sich die Kehrseite des Alleinseins anfühlen kann möchte ich gerne versuchen, Dir auch zu zeigen wie wunderbar es sein kann und welche Chancen es eröffnet.

Das Wichtigste zuerst: Alleine zu sein bedeutet nicht Einsamkeit. Es sind zwei Seiten derselben Medaille. Für viele Menschen ist es dasselbe; viele erfahren es auch genau so. Ich würde den Unterschied für mich so definieren, dass man, wenn einem Einsamkeit widerfährt, sich abgeschnitten fühlt von Freunden und Familie, man alleine lebt und zwar nicht zwingend in räumlicher, sondern besonders emotionaler Hinsicht. Beim Alleinsein ist die Trennung zur Umwelt jedoch nicht in diesem Maße vorhanden, auch wenn man zurückgezogen lebt. Und sei es nur gelegentlicher Austausch mit den Eltern, der Katze oder einem alten Freund, alleine das genügt, sich nicht wirklich einsam zu fühlen. Man weiß: Jemand ist in meinem Leben, jemand ist da. Und man wertschätzt das. Dennoch klingt dieser Zustand für viele traurig und beklemmend. Das kann ich gut verstehen, für mich liest sich meine Definition vom Alleinsein auch nicht gerade wie das blühende Leben. Und dennoch bedeutet es das für mich.

 

Fühle ich mich allein? Ja. Fühle ich mich einsam? Keineswegs.

 

Alleinsein fühlt sich erst dann wie Einsamkeit an, wenn wir einen Verlust erlitten haben, wie durch eine Trennung. Oft wird auch das Alleinsein mit Single sein gleichgesetzt:
„Bist Du Single?“
„Ja, ich bin allein.“
Ist das denn so? Bist Du allein, nur weil jemand nicht da ist? Ist denn Alleinsein wieder so eine Sache, die benutzt wird, um Unglück durch die Abwesenheit von etwas Glückverheißendem zu generieren, um uns im Status des „Benötigens“ zu fesseln? Im Radio schallert: „Komm und rette mich, ich verbrenne innerlich, ich schaff’s nicht ohne dich“ (Ja, ich habe tatsächlich den Schneid, Tokio Hotel zu zitieren, deal with it!). Ist denn Alleinsein wirklich die Abwesenheit der Person, mit der man sich erhoffte, eine zweisame Zukunft zu erleben? Erfährt man das Ende einer Beziehung oder Freundschaft als das „wieder allein sein“, kann es auch nichts anderes bedeuten als ein quälender Zustand, in dem der oder die Geliebte einfach weggerissen wurde. Die Abwesenheit von dem, was man als Glück definierte und etwas ohne das man sich unzulänglich und nicht vollständig fühlt. Wenn das Alleinsein ist, dann bin ich es nicht gerne. Wenn eine geliebte Person geht, möchtest Du nicht, dass sie dich „allein lässt“. So viele negative Erfahrungen und beängstigende Erlebnisse reichern unser Alleinsein an, dass wir völlig von dieser Erfahrung konsumiert werden, ohne Blick auf die Möglichkeiten, die das Alleinsein birgt.

Unabhängig von Verlust und Gewinn steht immer eine Person: Du selbst. Leben bedeutet Bewegung. Menschen betreten es und sie gehen auch wieder, ob das durch Umzug, Trennung, Tod oder anderes geschieht: alles ist in Bewegung. Du bist die einzige Konstante in Deinem Leben und wirst das auch immer sein. Natürlich liegt es in unser aller Natur, nach Freunden zu suchen, nach der „einen bestimmten“ Person für uns. Es ist wunderschön zu lieben und geliebt zu werden – alles wird erst dann zum Unglück, wenn wir unser Glück an andere Menschen hängen und unsere eigene Verantwortlichkeit dafür an diese Menschen abtreten. Nicht nur, dass wir den Menschen, die wir eigentlich lieben eine immens hohe und unfaire Bürde auferlegen, wir rennen ebenso damit wieder in die Falle, dass Glück sich irgendwo außerhalb unserer Selbst befände und dass wir es mühsam erkämpfen müssten. Wenn wir genau das nicht tun, können wir gut allein sein. Du, ich, jeder kann das.

 

„Da Vergänglichkeit für uns gleichbedeutend ist mit Schmerz, klammern wir uns verzweifelt an die Dinge, obwohl sie sich ständig ändern. Wir haben Angst loszulassen, wir haben Angst, wirklich zu leben, weil leben lernen loslassen lernen bedeutet. Es liegt eine tragische Komik in unserem Festhalten: Es ist nicht nur vergeblich, sondern es beschert uns genau den Schmerz, den wir um jeden Preis vermeiden wollten.“

-Soygal Rinpoche
 

Ich finde es wichtig, die Negativassoziation mit dem „alleine sein“ genau zu prüfen.
Zunächst öffnet das Alleinsein uns die Tür zum still werden. Erst ist es für manche Menschen schier unerträglich mit sich selbst alleine zu sein, da sie sich noch immer mit der Abwesenheit von Glück und dem beschäftigen, mit welchem sie die „Lücke“ in ihrem Leben füllen möchten. Den Blick auf das zu richten, was da ist und es wertzuschätzen wirkt in schlimmen Fällen wie ein schlechter Witz. Lernt man loszulassen und fängt man an, selbst sein Glück und seine Zufriedenheit zu generieren stellt man fest, dass das Alleinsein dafür mehr eine Grundvoraussetzung als ein Fluch ist. Schmerz existiert nur so lange wie wir uns weigern, eine Situation zu akzeptieren oder einen Menschen loszulassen. Und so lange assoziieren wir dies mit unserem Alleinsein, da das „Alte“ nun gegangen ist oder uns gerade etwas vermeintlich fehlt, nach dem wir uns schon lange sehnen. Mal ganz im Ernst: Deinen Blick immerzu auf das gerichtet zu halten, was gerade nicht da ist ist doch Wahnsinn.

Ich sehe das Alleinsein als die Grundvoraussetzung mich selbst zu hören, mich zu fühlen und zu reflektieren. Wenn die Gedanken über Verlust und Angst stiller werden, kommt so viel schönes zum Vorschein. Fokussierte ich mich auf das Leid durch Verlust, war ich fast blind für die Liebe von Freunden und Familie. Mit einem Verstand, der sich so auf Einsamkeit fokussiert, wird sie zur Realität, man ist unfähig, schönes zu erkennen, selbst wenn man von anderen mit Liebe überschüttet werden würde. Der Schmerz der dabei entsteht ist kaum auszuhalten und es ist das Festhalten an Menschen oder Situationen, welches genau das Leid, welches wir eigentlich durch unser Klammern verhindern wollten letzten Endes heraufbeschwört. Das zu verstehen ist unumgänglich, wenn Einsamkeit zum Alleinsein werden soll. Alleinsein gibt Dir Raum, Dich selbst zu beobachten. Wie funktionierst Du? Und warum hat sich vieles Vergangene so ereignet? Du kannst über Dich selbst lachen, den Kopf schütteln, Dir vergeben und Dir etwas Gutes tun. Raum und Stille zum meditieren und kreativ sein sind für mich die Motoren meines Lebens, für Dich mag es tanzen und lesen sein, für Deinen Nachbarn etwas völlig anderes. Aber den Raum für das echte Erleben Deiner Selbst durch die Dinge die Du tust gibt Dir unter anderem Deine Fähigkeit, allein zu sein.

 

„Ein Hauptstudium der Jugend sollte sein, die Einsamkeit ertragen zu lernen; weil sie eine Quelle des Glückes, der Gemütsruhe ist.“

-Arthur Schopenhauer
 

Allein zu sein bedeutet auch nicht, dass es durch das Zusammenleben mit dem Partner, Freunden oder der Familie nicht möglich wäre. Allein sein ist ebenso eine Geisteshaltung, die oft mit der tatsächlichen räumlichen Situation wenig zu tun hat. Heilsam ist, wenn sich der menschenleere Raum, den Dir die Einsamkeit hinknallt in einen energetischen Raum transformiert, in dem Du Dich frei bewegen kannst, den Du gestalten kannst, wie Du es Dir wünschst. Dort lernst Du Dich kennen, Dein Fokus wird von anderen auf Dich selbst gerichtet und so bist Du gestärkt für andere und Deine Umwelt und lernst, bei Dir zu bleiben. Du kannst Dir selbst genügen. So lernst Du, was Dir gut tut und auch wohin Dein Weg Dich führen soll – was Deine Ziele sind.

Und mal ganz ehrlich: beim Alleinsein kannst Du kompromisslos sein. Wenn man einfach mal eine Zeit lang nur das tut, was einem gefällt, entwickelt sich da eine sehr schöne und gesunde Dynamik wie ich finde. Unbedingt ausprobieren!

 
Deine Sophia

 

 

 

 
Beitragsbild vom großartigen Manny Librodo