Sei gut zu dir

Warum tut man Dinge, für die man noch nicht bereit ist? Oder Dinge aufzuschieben, die schon längst überfällig sind? Ich meine jetzt nicht berufliche Pflichten, sondern den Bereich Deines Lebens, für den ausschließlich Du die Verantwortung trägst. Ob das nun Beziehungen sind, die Gesundheit oder die Wohnung umzugestalten – wer kann von sich denn behaupten immer alles besten Gewissens zu tun? Vielleicht bist Du ja einer oder eine derjenigen, die immer mit sich im Reinen sind und „das Richtige“ tun; in dem Falle gratuliere ich Dir natürlich! Aber was wenn nicht? Bist Du dann inkonsequent oder hast kein Stehvermögen? Verhältst Du Dich dann vielleicht falsch und bist schwach? Übervorsichtig oder vollkommen verantwortungslos? Findest Du Dich dann in paradoxen und/oder quälenden Situationen wieder, die Dich total unter Druck setzen und die Dich ersticken wollen? Dann muss ich Dich noch etwas fragen: Bist Du vielleicht jemand, der mit sich selbst oft ins Gericht geht? Und wenn ja: tut Dir das gut?

 

„Die Sinne trügen nicht, das Urteil trügt.“

– Johann Wolfgang von Goethe
 

Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem was „recht“ ist und dem was „richtig“ ist. Und wenn etwas nicht „richtig“ ist ist es nicht gleichbedeutend mit „falsch“. Es ist wichtig, dass Du unterscheidest zwischen dem, was Du – auch welchen Gründen auch immer – für angebracht hältst und dem, was wirklich richtig für Dich ist. Wenn Du dazu neigst, mit Dir selbst ins Gericht zu gehen und zu einem Urteil zu gelangen, mit dem Du Dich nicht richtig oder gut fühlst, dann hast du Dich verurteilt, statt beurteilt. Ich meine damit nicht, dass Du es total gut finden sollst, wenn Du einen bösen Fehler gemacht hast, aber Dich dafür zu verurteilen ist eine wirklich destruktive und ungesunde Form, Konsequenzen zu ziehen. Ich frage Dich noch etwas: Wofür ist es denn gut, dass Du Dich verurteilst? Bringt es Dich einem Entschluss, einer Handlung näher oder raubt es Dir vielleicht vielmehr die Kraft, zu einem Punkt zu kommen? Macht es Dir vielleicht sogar Angst davor, zu einem Punkt zu kommen? Kein Wunder – Du bist einfach noch nicht soweit.

 

„Wenn es dir gelingt, über dich selbst gut zu Gericht zu sitzen, dann bist du ein wirklicher Weiser.“

– Antoine de Saint-Exupéry
 

Wer hat festgelegt, in welcher Zeitspanne wir bestimmte persönliche Prozesse oder Situationen abzuhandeln haben? Wer bestimmt wann es okay ist, sich für ein Problem Zeit zu nehmen und wann eine sofortige Entscheidung her muss? Wie immer bei diesen Fragen bist natürlich Du selbst die Antwort. Du selbst bestimmst, welche Zeit Du für die Bewältigung eines Problems, die Auflösung einer Situation u.s.w. bekommst. Du selbst bestimmst die Konsequenzen, die bei Überziehung dieses Zeitrahmens eintreten oder nicht und Du selbst bestimmst, ob Du überhaupt einen Zeitrahmen benötigst. Du bestimmst auch, ob es nötig ist, das Ganze zu beurteilen und Du selbst entscheidest, ob Du Dich ins Gefängnis steckst oder Dich entlässt, weil Du merkst, dass Du daraus gelernt hast. Wenn Du während dieses Prozesses ein für Dich unstimmiges Urteil gefällt hast, so äußert sich das in einer Tonne schlechtem Gewissen, Bauchweh, Kopfweh und ungutem Gefühl, welches Dich runterzieht und lähmt. Dabei bist Du die einzige Person, die das als Strafe gewählt hat! Und die einzige Person, die gegen dieses Urteil Revision einlegen kann. Und das solltest Du!

 

„Man vergibt in dem Maße, in dem man liebt.“

– François VI. Duc de La Rochefoucauld
 

Du kannst Dich entscheiden, ob Du Dein Leben lang ein Verbrecher auf der Flucht vor dem Gericht – sich selbst – sein willst, oder ob Du lernst, Dir zu vergeben, Verständnis für Dich aufzubringen und Dich selbst zu behandeln, wie Du Dein eigenes Kind, Deinen Partner oder besten Freund behandeln würdest. Warum strafst Du das wertvollste, was Du im Leben hast? Du bist die einzige Person, die Dir wirklich vergeben kann. Und ganz egal, was Du „verbrochen“ hast, ob es nun die Operation ist, die Du um ein Jahr verschoben hast, weil Du einfach (noch) nicht im Reinen mit einem solch schweren Eingriff bist oder ob es die Konfrontation mit dieser fürchterlichen Person ist, für die Du Dich nicht bereit fühlst oder das Du Dich vielleicht dieser Konfrontation ausgesetzt hast, obwohl Du Dich seelisch nicht darauf vorbereitet hast: die Person, die das Tempo bestimmt bist Du. Das ist keine Bürde, sondern ein Privileg. Oft kannst Du nicht klar sehen und wissen, was das Richtige für Dich ist. Die drei Optionen, die Du hast sind jedoch nicht 1. Stehen bleiben 2. Es tun und vielleicht bereuen 3. Es nicht tun und vielleicht bereuen, sondern 1. Dich mit der Zeit bereit machen 2. Es tun, anerkennen und vielleicht verzeihen 3. Es nicht tun, anerkennen und vielleicht verzeihen. Steh hinter Dir!

 

„Wenn die Seele bereit ist, sind es die Dinge auch.“

– William Shakespeare
 

Ganz ehrlich, ich möchte nicht, dass Du Dich verkriechst und Dich bestrafst. Ich möchte, dass Du erkennst, dass jeder vermeintliche Fehltritt, jede Fehlentscheidung Dir eine Konsequenz abverlangt und das diese Konsequenz niemals gegen, sondern vielmehr für Dich ausfallen sollte. Warum solltest Du Dir die Möglichkeit durch Verurteilung Deiner Selbst nehmen, an diesen Dingen zu wachsen? Warum erstickst Du Herausforderungen im Keim durch schier unlösbare Gewissensbisse? Dein Weg ist der, mit dem Du Dich gut fühlst. Dein Weg ist der, auf dem Du okay und einverstanden mit Dir selbst sein kannst. Dein Weg ist dort, wo Du anhalten kannst, Dich im Spiegel ansiehst und zu Dir selbst sagen kannst „Das hast Du gut gemacht, Du wunderschöner Mensch.“. Und Deine Außenwelt wird Dich bestätigen. Wenn Du Dir selbst gut Freund bist, wirst Du im Außen auch einen wahren Freund finden. Verurteilst Du Dich, so verurteilst Du auch die Anderen, denn wir bekommen in unserer Welt nicht mehr und nicht weniger als den Spiegel unserer selbst präsentiert. Ist es nicht seltsam, dass Dein guter Freund – so nahe ihr euch steht – Dich manchmal einfach nur aufregt? Frage Dich was er tut, was Dich so aufregt und vergib es Dir selbst. Und wenn Du deswegen gemein zu ihm warst, warst Du zeitgleich gemein zu Dir selbst. Ich bin sicher, er versteht das und vergibt Dir…kannst Du es auch?

 
Ich wünsche Dir eine Zeit, in der Du Dir zuhörst und anerkennst, dass auch Du ein Mensch bist, der Fehler macht und tolle Dinge vollbringt. Das Du, wenn Du Menschen verletzt, Dich selbst verletzt aber auch und gleichzeitig der größte Schatz für Dich und andere bist. Ich wünsche Dir, dass Du Dir Zeit gibst, wirklich bereit zu sein. Ich wünsche Dir, dass Du gut mit Dir selbst leben kannst. Und das Du Deinem inneren Richter ordentlich auf die Finger hauen lernst.

 
Sei gut zu Dir.

 
Deine Sophia