Verletzlichkeit ist meine Stärke

Früh lernen wir alle, Verletzlichkeit mit Schwäche zu assoziieren. Darunter leiden Frauen wie Männer. Gefühle zeigen ist etwas für Schwächlinge – „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ hören Kinder (besonders Jungs) oft, während ihre Eltern versuchen, ihnen das Weinen abzugewöhnen. Eine Herangehensweise, welche bei vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu starken Problemen wie z.B. Depression, Angststörungen, Identitätskrisen oder dem Verlust der Empfindungsfähigkeit führt. Zumindest wenn sie nicht lernen, sich mutig im Laufe ihres Lebens ihrer Selbst und ihrer eigentlichen Emotionen bewusst zu werden.

 

„Verletzbarkeit klingt nach Wahrheit und fühlt sich an wie Mut.“

– Brené Brown

 
Deshalb finde ich es wichtig, einen Beitrag zu diesem Thema zu schreiben. Nicht nur um zu ermutigen, zu sich zu stehen, sondern weil es eine jedem Menschen innewohnende, völlig normale Eigenschaft ist, verletzlich zu sein! Ob spirituelle Meister, neugeborene Babys, Menschen in Führungspositionen, Alzheimerpatienten, Du, ich – jeder Mensch ist verletzlich. Verletzlich zu sein ist eine Eigenschaft, welche uns eint, nicht voneinander unterscheidet: „Der ist voll die Heulsuse, hast du gesehen wie der mit seiner Frau geredet hat?“ ist keine Aussage von jemandem, der sich von der „Heulsuse“ unterscheidet. Es ist die Aussage einer Person, die diesen Persönlichkeitsanteil an sich selbst nicht akzeptieren will und möglicherweise große Angst vor einer Konfrontation damit verbindet. Ohne sich dessen bewusst zu sein – versteht sich.

Menschen, die sich ihrer Verletzlichkeit nicht stellen wollen oder können, tragen in der Regel tiefe psychische und/oder emotionale Wunden, denen sie sich absolut nicht gewachsen fühlen. Da sie leichter durch Verdrängung und Abwertung an anderen erscheinen, geben wir dem (ob bewusst oder unbewusst) nach. Warum sich verletzlich zu zeigen unglaublich kraftvoll sein kann, möchte ich Dir aber wirklich gerne mit auf den Weg geben.

 

„Wir Menschen sind keine Engel, weil wir aus Angst enttäuscht oder verletzt zu werden uns unsere Flügel selber stutzen.“

– Horst Bulla (geb. 1958, dt. Dichter & Autor)

 
Verletzung nicht zuzulassen und nicht zu spüren gleicht Selbstverletzung. Viele von uns verwechseln die Abwesenheit von Schmerz mit Glück. Wir schneiden uns von unseren Empfindungen ab und verwechseln das mit Unabhängigkeit. Wir schneiden uns ab bis zu einem Punkt, an denen wir das Reflektionsvermögen verlieren: Worauf hätte ich als nächstes Lust? Wie stehe ich zu meinen Eltern? Wie geht es mir? Stillstand. Diese Fragen werden zu Herausforderungen, auf die sich nur noch schwer eine ehrliche Antwort treffen lässt und in eine Flucht aus Floskeln, mit denen wir uns selbst und andere abspeisen, führt. Sie führt uns in eine Abwärtsspirale, an deren Ende wir uns vielleicht tatsächlich eines Tages, wenn uns die Zeit ausgeht, fragen müssen: „Habe ich eigentlich genug gelebt?“. Dabei sind es Fragen, die jeden Menschen an seine Lebendigkeit erinnern können und uns bemächtigen, aktive Entscheidungen zu treffen.

 

„Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken, noch für Gefühle. Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.“

-Ingmar Bergmann

 
Tun wir das nicht, schleicht sich eine schier unerklärbare Schwermut und Traurigkeit, vielleicht auch Melancholie und Langeweile in unser Leben, ohne dass wir wüssten wieso. Wir begeben uns in die Opferrolle, dabei ist unser Leben das Resultat unserer Entscheidung. Jeder, der akzeptiert die ganze Zeit über bereits selbst entschieden zu haben, bekommt eines der machtvollsten Werkzeuge zur Hand, welches ein Mensch überhaupt bekommen kann: Verantwortung. Wenn Du sie übernimmst, hast Du die Macht, Dein Leben zu gestalten und Deine Entscheidungen aus Anerkennung Deiner Wahrheit anstatt Vermeidungsverhalten zu treffen! Diese Entscheidungen verändern Dein Leben – sie verändern Dich.

 

„Wir alle streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden, als Freude zu gewinnen“

– Sigmund Freud

 
Wir alle sehnen uns nach etwas Authentischem. Etwas Echtem, Greifbarem. Am Ende des Tages sind es die Menschen, die uns positiv berührt haben, die wirklich einen Unterschied in unserem Leben darstellen. Es sind die Menschen, dir uns am wichtigsten sind, weil sie echt und ehrlich zu uns waren, voller Liebe und auch Mitgefühl. Wenn wir jemandem bei einem TED Talk zuhören, der mit Herzblut bei seiner Sache ist, welche Köpfe drehen sich dann nach einem Politiker, der gerade die Dringlichkeit einer x-beliebigen Sache propagiert ohne sich selbst wirklich dafür zu interessieren, um? Diese Menschen haben alle eine Sache gemeinsam: Sie nehmen ihr Herz und schreien es raus in die Welt ohne Garantie gehört zu werden. Sie nehmen ihr Herz und schenken es Dir ohne Rücksicht auf Verluste. Sie nehmen ihr Herz und widmen es brennend einer Sache ohne an Scheitern zu denken. Diese Menschen sind verletzlich und nehmen es bereitwillig in Kauf.

 

„Wenn ich die Wahl habe zwischen dem Nichts und dem Schmerz, dann wähle ich den Schmerz.“

– William Faulkner

 
Jeder von uns kennt den Schmerz, verlassen zu werden. Den Schmerz nicht zu genügen oder ausgegrenzt zu werden. Es gibt so viele Arten von Schmerz. Ziehen wir daraus die Konsequenz, uns ab sofort in „Schmerzlosigkeit“ zu üben, indem wie unsere Verletzlichkeit verbergen, zahlen wir es damit niemandem heim, außer uns selbst. Wir selbst sind es, die daraus keinen Nutzen ziehen können, die aufgrunddessen ihre Freude, Empfindsamkeit und am Ende sogar Lebendigkeit verlieren. Wir sind es, die sich selbst die Chance auf unsere Freiheit und unser Glück damit nehmen oder geben können.

Vergeben wir uns selbst, behandeln wir unseren Körper wie unser zu Hause, trauen wir uns Mitgefühl für unsere Mitmenschen aufzubringen, trauen wir uns, unsere Gemeinsamkeiten anzuerkennen, obwohl wir vermeintlich verschieden sind, befreit uns das. In einem sind wir alle gleich: Wir alle sind empfindsame und verletzliche Wesen. Wir alle sehnen uns nach Liebe, Respekt und danach gut behandelt zu werden – warum fangen wir also nicht bei uns selbst an?

Ich wünsche Dir die Kraft dazu,

 
 
 
 
 
Beitragsbild © Manny Librodo